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dass im einzelnen Falle der Gegenstand des Unterrichts durch Rücksichtnahme auf die neuesten Errungenschaften der Wissenschaft auch in ihren Einzelgebieten belebt und vertieft werden könne. Aber auch ein anderes Bedenken muss einem solchen sich aufdrängen, dem das Amt übertragen wird, Leiter der antiken Studien an einer deutschen Schule zu sein. Man hat diese Studien von jeher in zwiefacher Richtung betrieben. Es gab eine Zeit, wo man glaubte, der Hauptzweck beim Erlernen der alten Sprachen und der Wiedererkenntniss der alten Cultur überhaupt seien diese Dinge um ihrer selbst willen. man müsse wieder zu Griechen oder Römern werden, sprechen, schreiben und denken, wie jene: das war die Ansicht der italienischen Humanisten im 15. und 16. Jahrhun- dert, eine Ansicht, welche dann auf den deutschen Schulen, im Osten hauptsächlich durch Valentin Trotzendorf, im Westen durch Johannes Sturm, vertreten ward. In ihren Extremen wird diese Ansicht heute keine Vertheidiger mehr finden, immerhin aber gibt es noch viele Lehrer, welche über den formalen Uebungen den herrlichen Inhalt der klassischen Meisterwerke nicht genügend zur Geltung kommen lassen. Und auf der andern Seite wiederum liegt oftmals auch die entgegen- gesetzte Gefahr nahe: man möchte aus der antiken Litteratur wo möglich nur den sogenannten „Geist des Alterthums“ herausdestilliren und bekämpft darüber die Energie der Uebungen im Schriftlichen und mündlichen Ausdruck beider Sbrachen, nicht bedenkend, dass, wenn die sprach- liche Grundlage fehlt, der sogenannte Geist des Alterthums bald zu einem Nichts sich verflüchten muss, und dass überdies jener herrlichste Uebungsplatz für die Kräfte unserer Jugend verloren gehen muss: die Grammatik der Griechen und Lateiner.— Endlich muss ich auch noch eine An- sicht berücksichtigen, welche in der allerneusten Zeit öfter ausgesprochen wird und die immer mehr Boden zu gewinnen scheint, die Ansicht, das Griechische müsse dem Latein auf dem Gym- nasium völlig gleichgesetzt werden an Stundenzahl und aufzuwendender Kraft; ja manche möchten das Griechische sogar über das Lateinische stellen, den griechischen Unterricht in der untersten Klasse beginnen, kurz den Schwerpunkt der gymnasialen Studien auf die hellenischen Studien legen. Das ist ein für begeisterte Freunde hellenischer Bildung allerdings zuerst bestechender Gedanke, der sich aber sehr bald in seiner Verfehltheit zeigt, wenn man die Natur beider Sprachen, ihre Geschichte und ihr Verhältniss zur Entwickelung unseres Volkes näher betrachtet. Ich weise also „unächst ein Ueberwiegen der griechischen Sprachstudien über das Lateinische mit Entschiedenbeit zurück, erkläre mich aber ebenso auch gegen eine völlige Gleichstellung beider Sprachen. Denn die Bedeutung der Einheit im Unterricht erfordert meiner Ansicht nach unbedingt, dass ein Gegen- stand als Hauptsache von der letzten bis zur ersten Klasse mit verstärkter Kraft betrieben werde, und das kann aus praktischen Gründen eben nur das Lateinische sein. Nach dieser meiner An- sicht, welche mit der bisherigen Einrichtung ganz übereinstimmt, denke ich zu handeln. Dass aber nächst dem Latein, als dem Hauptfach alles Gymnasialunterrichts, das Griechische die zweitbedeu- tendste Stellung einnehmen muss, werde ich nie bestreiten. In beiden Sprachen soll in den Unter- und Mittelklassen nach wie vor ein tüchtiger Grund grammatischen Wissens gelegt werden, worauf dann bei den weiter Vorgeschrittenen neben ausgedehnteren Sprachübungen eine für die Schulver- hältnisse angemessene, nach Form und Inhalt ernst zu betreibende Lesung der Schriftsteller eintreten soll.
Wenn nun, wie wir gesehen haben, das religiöse, das nationale und das antike Element sich vor allem Andern heraushebt als die Grundlage aller gymnasialen Bildung, der gegenüber die übrigen Unterrichtskreise einigermassen zurücktreten, so soll doch dabei keineswegs gesagt werden, dass die letzteren vernachlässigt werden dürfen. Am allerwenigsten gilt dies von der Geschichte und von der Mathematik. Wie die erstere den Rahmen abeibt für das ganze Lehrgebäude unserer Schulen, soweit es auf den Menschen und sein Wirken Bezug hat, so ist die Mathematik vor allem geeignet die Verstandeskräfte an sich, losgelöst von der sinnlichen Erscheinung, zu schärfen und somit eine Vorschule tieferer philosophischer Studien zu bilden; νέι moeεέιμμές


