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17 Sprache und Denkart unserer Nation dahin wirken, das stolze Bewusstsein in uns gegenwärtig zu halten, dass wir Deutsche sind und dass wir Deutsche sein wollen. Darauf bedacht zu sein, dass dieser Geist unter uns walte, glaube ich in meinen neuen Amt noch eiue ganz besondere Pflicht zu haben; denn gerade unser Karl-Friedrichs-Gymnasium steht einzig da in seiner Art, ohne Glei- chen in allen deutschen Gauen: es ist begründet auf klassischer Stätte, mitten im Vaterland, am Fusse der Wartburg, Selbst in seinen Hallen von Sage und Geschichte umwoben, und es gehört einem Lande an, klein an Umfang, dessen Ruhm aber noch nach Jahrtausenden erklingen wird wegen seiner Verdienste um nationale Dichtung und Cultur. Daraus also ervächst ganz gewiss für uns eine doppelte Verpflichtung das edle Kleinod deutschen Geistes zu pflegen.
Bei alledem soll aber nicht verkannt werden, was die Hauptaufgabe des Gymnasiums, namentlich in der Durchführung des Unterrichts, sein muss, nämlich die Pflege der antiken Studien. Leider ist es in diesen Zeitläuften nöthig geworden, auch das noch ausdrücklich zu betonen, ob- gleich man meinen sollte, etwas, was durch drei Jahrhunderte sich bewährt hat, müsse so fest stehen, dass ein Ankämpfen dagegen völlig verkehrtes Beginnen sei, ohne Aussicht auf irgend welchen Erfolg. Die Feinde der antiken Bildung erheben immer wieder ihre Stimme und möchten uns gerne rauben, was uns am höchsten steht. Noch, glaube ich aber, ist eine nennenswerthe Gefahr. von dieser Seite nicht zu fürchten. Darum scheint es unnütz in unserm Kreise erst näher nachweisen zu wollen, welche Wichtigkeit das klassische Alterthumsstudium für unsere Zwecke besitzt. Dagegen sei es mir vergönut in Kürze auf die Gefahren einzugehen, welche uns theils aus der Entwickelung dieses Zweiges der Wissenschaft selbst, theils gerade aus der Reihe der wohlmeinendsten Vertreter dieser Studien mitten heraus zu drohen scheinen. Was zunächst die Entwickelung der Alterthums- studien betrifft, so kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass mein Vorgänger glücklich zu preisen war, weil seine Lehrjahre in eine Zeit fielen, in welcher unser Fach noch fest umsteckte Grenzen besass, in welcher ein Philolog, wie Gottfried Hermann, fast das ganze Gebiet des Wissens in dieser Sphäre der Breite wie der Tiefe nach zu umspannen schien. Wie ganz anders ist das heutzutage geworden! Gewaltige Entdeckungen haben das Feld der Alterthumswissenschaft so erweitert, dass eine ausgedehnte Theilung der Arbeit eintreten musste, und es ist heute ebensowenig denkbar, dass ein Mann alle Gebiete der klassischen Philologie gründlich beherrsche, als es auf dem Gebiete der Naturwissenschaft möglich erscheint, dass ein zweiter Humboldt die Idee eines Kosmos durchzu- führen im Stande vàre. Vergleichende Sprachwissenschaft, Antiquitäten, Geschichte und Philosophie, Geographie und Periegese, Kunstgeschichte und Mythologie: das alles sind so grosse Einzelgebiete dessen, was früher als ein einziges galt, geworden, dass ein jegliches unter ihnen kaum von einer vollen Manneskraft während eines ganzen Lebens bewältigt werden könnte. Unter derartigen Ver- hältnissen sind wir jüngeren Lehrer sämtlich erwachsen, und gerade ein solcher, der ernsten wissen- schaftlichen Sinn erworben und behalten hat, pflegt seine Specialität. Ich selber preise es als ein hohes Glück meines Lebens, dass es mir vergönnt war, den ersten Archäologen unserer Zeit ein nahverbundener Schüler zu sein, dass ich mit dem einen derselben im allerengsten täglichen und persönlichen Verkehr stehen durfte. Aber welche Gefahr liegt für die Schule in einer Zersplitte- rung der Studien ihrer Lehrer! Wenn das Gymnasium unleugbar die Aufgabe hat, sich auf ein eng umhegtes Feld zu beschränken, wenn man als dieses Feld dasjenige erkennen muss, was als das wichtigste aus der Vielheit von Gegenständen, als den möglichst unmittelbaren Niederschlag des Geistes der Alten sich herausstellt, und das ist sicherlich die Sprache, so ergibt sich von selber, dass grosse Weisheit und Selbstverleugnung, ebenso wie ein ernstes Weiterstudium in unermüdetem Fleisse dazu gehört, um nicht aus der rechten Bahn auszuschweifen und der auf lebenbringende Geistesnahrung harrenden Jugend statt der einfachen, nahrhaften und leicht verdaulichen Kost allerlei Leckerbissen zu bieten, die ihr eher Schaden als Nutzen zu bringen angethan sind. Natürlich soll durch diese Worte das Zugeständniss nicht ausgeschlossen sein,


