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Antrittsrede des Directors
gehalten am 7. Januar 1875.
Morgen sind es gerade 37 Jahre, dass in das Amt als Leiter dieser Schule ein Jüng- ling eingeführt wurde, von dem im Verfolg seiner weiteren Entwickelung Ströme des Segens aus- gegangen sind über diese Anstalt und unzählige ihrer Schäler. Und heute wiederholt sich derselbe Akt an mir, der ich nur um wenige Jahre äàlter bin, als der entschlafene Funkhänel da- mals war. Ein dunkler Vorhang wallt über den Dingen der Zukunft, und wir wissen nicht, ob derjenige, der soeben seine Weihe für das neue Amt erhalten hat, dasselbe wieder zum Heile dieser Stätte der Jugenderziehung verwalten wird. So ist denn auch natürlich mein Herz verzagt und besorgt: werden die mir verliehenen Kräfte auch ausreichen, die Aufgabe, die als eine hochlohnende und wahrhaft herrliche vor meinem geistigen Auge steht, auch nur annähernd also zu lösen, wie sie es verdient? Ich mache kein Hehl daraus, das Gefühl der Beunruhigung würde mich erdrücken, wenn nicht das unbedingte Vertrauen auf eine höhere Hilfe, als die der Menschen, meiner Seele Trost und Zuversicht einflösste.
Neben diesem Gefühle der Besorgniss aber ist es doch auch ein anderes, welches mein Her⸗ in dieser ernsten Stunde erfüllt, das nämlich eines innigen Dankes: des Dankes zunächst gegen Gott, der mein Leben, wie ich fest überzeugt bin, sichtbar leitet und führt, des Dankes gegen unsern Landesherrn. dessen Gnade mir vertrauensvoll das neue, wichtige Amt in die Hände legt, des Dankes gegen die Grossberzogliche Staatsregierung, deren Huld mir in diesen Gauen ein neues Vaterland geschaffen hat, des Dankes ferner gegen Sie, meine verehrten Amtsgenossen, die den Fremdling seiner Zeit nicht nur freundlich aufgenommen, sondern die mich auch in schweren Tagen wacker unterstützt haben, des Dankes auch gegen euch, liebe Schüler, weil ihr euch in dem verflossenen Jahre, in welchem mir bereits die vertretweise Leitung unserer Schule oblag, so geführt habt, dass es einer ernsteren Rüge kaum jemals bedurft hat. Aus all diesen Umständen erwächst mir das freudige Gefühl Ger Hoffnung, dass ich in meinem Amte auch fürderhin der Unterstützung meiner Nächsten nicht ermangeln werde, und dass somit ein gut Theil der Schwierig- keiten auf meinem künftigen Lebenswege bei Seite geräumt sein wird.
lch halte es nun in diesem Augenblicke für meine Pfiicht mich auszusprechen über die Ansichten, welche ich von der Natur meines neuen Amtes hege, so wie über die Wege, welche ich bei der Führung desselben einzuschlagen gedenke. Wie ein Mann, der eine grosse Reise unter- nehmen will und sich vor Antritt derselben seinen Plan zurecht gelegt hat, diesen wohl im Kreise von Freunden bespricht, so will ich in grossen Zügen meine Gedanken und Absichten darzulegen suchen. Ich muss dabei freilich auf Dinge zu sprechen kommen, welche ich schon einmal an dieser Stelle vor den Meisten der Anwesenden erörtert habe; da dieselben jedoch einerseits in der Sache selbst liegen und nicht umgangen werden können, anderseits aber auch ganz neue Gesichts- punkte der Betrachtung darbieten, so hoffe ich Nachsicht zu finden; ebenso, wenn ich, wie es nicht anders sein kann, von meiner eigenen Person zu reden vielfach Veranlassung habe.


