Jahrgang 
1872
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die Sturmjahre vor etwa einem Vierteljahrhundert, welche Hoffnungen erweckten sie und trugen sie wieder zu Grabe. Und welch ein Ringen und Kämpfen seit jenen Tagen und welch eine lange Reihe von Männern tritt uns, wenn wir zurückblicken, vor unser geistiges Auge, die durch ihre Liebe zum Vater- lande gehoben und gestärkt, durch die Gediegenheit ihres sittlichen Wesens, durch die Tiefe der Ein- sicht in die Bedürfnisse der Zeit, durch ungebeugten Muth den Grund zu dem legten, dessen wir uns jetzt erfreuen. Denn eine Jdee, die in sich wahr und begründet ist, kann nie ganz ausgerottet, sie kann eine Zeit lang zurückgedrängt, selbst unterdrückt werden, aber immer wieder tritt sie hervor wie der Strahl der Sonne, den uns düstere Wolken entzogen; keine Wahrheit, welche einem Bedürfnisse der Zeit entspringt, kann auf die Dauer verleugnet werden, sie wirkt in der Stille, ergreift die Geister mit un- sichtbarer, aber unwiderstehlicher Gewalt und endlich tritt sie mit Riesengewalt hervor in die Welt und trägt den Sieg über ihre Feinde davon. Nein, kein Opfer für eine grosse Jdee, für die Wahrheit ist umsonst gebracht. Das Edle in der menschlichen Natur erhebt und stärkt sich an solchen Opfern, und erfasst diese JFdee, diese Wahrheit mit um so wärmerer Liebe und hält an ihr mit um so grösserer Treue und führt sie mit um so grösserer Energie in das Leben ein. So ist denn auch in dem gewaltigen Kampfe, den wir bestanden, die Saat aufgegangen und zur Reife gediehen, die so viele patriotisch ge- sinnte, wackere Männer ausgestreut hatten. Die Macht der Jdee hat die Gesammtheit des deutschen Volkes ergriffen, hat seine Stämme und Fürsten vereinigt, hat unsere tapferen Heere von Sieg zu Sieg geführt. Diese Jdee aber war die Einheit Deutschlands unter einem Oberhaupte. Denn als der Ueber- muth des Feindes die Brandfackel des Krieges in die deutschen Gaue schleudern wollte, da erwachte das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit in den so lange getrennten Stämmen, der gemeinsame Kampf hat den Bruderbund befestigt, das so reichlich vergossene Blut hat ihn fester an einander gekittet, der mit vereinter Kraft errungene Erfolg hat die Bedeutung, den Werth, aber auch die Nothwendigkeit dieser Einheit an den Tag gebracht. Und die so lange verpönte und verfolgte Jdee ist zur That ge- worden und was ein gefährlicher Traum schwärmerischer Köpfe zu sein schien, das ist jetzt eine Schöpfung echt nationaler Staatsweisheit.

Und was lernen wir daraus? welche Erfahrung ist dadurch geltend gemacht? Eine Lehre, eine Erfahrung, die auch Ihnen, I. J., von Bedeutung sein muss, die auch für Ihre Zukunft massgebend sein kann und sein soll. Die Kraft des Einzelnen, seine Thätigkeit soll nicht gering geschätzt werden. Wie im Staate auf jeden der ihm Angehöõrigen gerechnet werden muss, wie auch der geringste dem Ganzen seine Kraft widmen soll, wie in einem Heere der Scharfblick des Feldherrn des Armes, des Muthes, der Tapferkeit eines jeden Einzelnen bedarf, so ist es auch in der grossen Gemeinschaft der Menschheit. Jede Kraft, auch die kleinste soll ihr gewidmet sein. Das rechte Wort, ein guter Gedanke, eine zur gehörigen Zeit aus- geführte That eines Einzelnen geht nicht verloren, bleibt nicht ohne Folgen, wenn man sie auch nicht sofort erkennt; nicht selten sind sie entscheidend für das Wohl oder Wehe vieler, gestalten das Geschick eines ganzen Volkes, ja der Menschheit um. Daher soll ein jeder thun was in seinem Vermögen liegt, soll nicht glauben, er, der Einzelne, sei zu gering, sei nichts werth. Der Männer, die wie man sagt, ihrer Zeit ihr eigenes Gepräge aufdrücken, sie nach ihrer Jdee gestalten, giebt es wenige, aber eben so richtig wie man sie Schöpfer ihrer Zeit nennt, kann man sie Kinder ihrer Zeit nennen; denn ihr Geist ist mehr oder weniger von den Jdeen ihrer Zeit befruchtet und diese Jdeen ruhen in den Köpfen vieler Einzelner, die zu einem Ganzen, zu einer Gesammtheit vereint die Verwirklichung der Jdee ermõglichen und gleichsam die Stätte vorbereiten, von wo aus sie in das Leben treten kann. Wer von Ihnen aber weiss es, wohin ihn in Zukunft die Vorsehung stellen, welchen Platz sie ihm anweisen werde, um seine Kenntnisse zu verwerthen, um im Dienste des Staates oder der Menschheit nach besten Kräften zu wirken? Darum beherzigen Sie, dass jede Kraft, sei sie auch noch so unscheinbar, nützen kann, dass keiner so unbedeutend ist, dass er nicht seinen Theil zum Wohle des Ganzen beitragen kann. Rüsten Sie sich nur für die Zukunft, um, wenn der Ruf der Vorsehung an Sie ergeht, im Stande zu sein, sei es im Kleinen, sei es im Grossen, thätig zu sein so viel Sie vermögen. Seien Sie eingedenk der Worte, die in Göthe's Iphigenie Pylades an Orestes richtet, die ich mit Veränderung eines einzigen Wortes anführe:

Die Götter brauchen manchen guten Mann Zu ihrem Dienst auf dieser weiten Erde, Sie haben auch auf Dich gezählt.

Und noch Eins! Wenn es wahr ist, dass die Intelligenz und die sittliche Kraft des deutschen Volkes ihm die Ueberlegenheit über seinen Gegner verschafft hat, so versteht es sich vbn selbst, dass diese Vorzüge unserem Volke bewahrt werden müssen. Das ist die heilige Pflicht, die das elterliche Haus auf sich nehmen, die die Schule ins Auge fassen, die dem heranwachsenden Geschlechte dringend ans Herz gelegt werden muss. Auch in diesem Sinne gehört der Jugend, also auch Ihnen, die Zukunft. Sie müssen diese Nationaltugenden ungeschmälert, lauter und rein erhalten: den Sinn für Bildung, den