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sittlichen Ernst, die Gediegenheit des Charakters, das warme Gemüth mit seiner Empfänglichkeit für Wahrheit und Recht, den hellen Blick, vor dem die Truggebilde des Wahns und Scheins zu nichte werden. Gesunder, reiner Sinn wohnt nur in einem reinen, unverdorbenen Körper. Darum schonen Sie die Kraft und Gesundheit Ihrer Jugend, verweichlichen Sie sich nicht durch frühzeitige Genüsse; denn wer weiss es, ob nicht das Vaterland einmal, vielleicht bald Ihres Armes bedarf zu seinem Schutze, zur Erhaltung und Sicherung des Gewonnenen? Und ferner sind wir denn fertig im Inneren, in der Neugestaltung unserer staatlichen Verhältnisse? Man hat die Frage aufgeworfen, ob das deutsche Volk einer Zeit der Ernte entgegen gehe, oder einer Zeit des Auf- und Ausbaues. Wohl geniessen wir be- reits manches, was die neueste Zeit uns gebracht hat, aber noch ist die Einheit des deutschen Reiches nicht fest begründet in den Gemüthern, noch regen sich feindliche Kräfte, um das kaum Erreichte wieder zu vernichten oder wenigstens zu schwächen, die uralte Eifersucht der einzelnen Volksstämme regt sich immer noch, die Selbstsucht will frühere Vortheile und Vorrechte nicht aufgeben, und endlich ist der innere Ausbau noch nicht vollendet. Da giebt es allenthalb noch viel Arbeit. Und wer weiss denn, ob nicht ein Theil dieser Arbeit auf Ihre Schultern gelegt wird? Ein gewaltiger und vielleicht sehr er- bitterter Kampf droht in unserm Vaterlande um sich zu greifen, der der Konfessionen. Seien Sie, wenn er an Sie herantritt und Sie in seine Kreise hineinzieht, eben so fern von Intoleranz und Fanatismus, wie von dem Indifferentismus, dem das Heiligste gleichgültig ist. Und endlich hassen Sie wie die Sünde, wie Lug und Trug, die Phrase, deren unselige Folgen die neueste Zeit geoffenbart hat, die Phrase, die pathetische, hochtönende Worte macht, wo es gilt Thaten zu verrichten, die den leeren Schein liebt statt der Wahrheit, die blendet, aber nicht überzeugt, die die eigene Schwäche und Hohlheit überdekt, die in übermüthiger Selbsttäuschung und Selbstverblendung den Blick auf den eigenen Unwerth ver- meidet und den Werth Anderer nicht anerkennen will. Halten sie fest an deutscher Ehrlichkeit und deutscher Wahrhaftigkeit und tragen Sie Ihres Theils dazu bei, dass der deutsche Name und deutsches Wesen fort und fort in Ehren bleibe. Das walte Gott!
Ein Rescript vom 18. März benachrichtigte die Direktion, dass Seine Königliche Hobeit, der Grossherzog, befohlen habe, von jetzt ab den Geburtstag Sr. Majestät, des deutschen Kaisers in den höheren Schulanstalten des Grossherzogthums durch einen Actus in angemessener Weise feierlich zu begehen. So wurde denn diese Feier zum ersten Male am 22. März veranstaltet. Vor dem Katheder war die Büste des Kaisers auf einer mit Guirlanden umwundenen Konsole aufgestellt und nachdem der Gymnasialchor eine Motette ausgeführt hatte, hielt auf den Wunsch der Direktion Dr. Schneidewind die Festrede.*) Der Gesang des Liedes„Nun danket alle Gott“ schloss die einfache, aber gewiss er- hebende Feier, welcher mehrere Freunde der Anstalt beigewohnt haben.
Endlich theilt die Direktion noch mit, dass eine neue Lehrerstelle für das Gymnasium gegründet worden ist. Wenn die vollständige Trennung der Tertia in eine obere und untere Klasse, die bereits im vorigen Schuljahre für den sprachlichen Unterricht vorgenommen worden war, auch für Religion, Mathematik, Geschichte und Geographie durchgeführt werden sollte, so mussten einige Lehrer für diese Fächer in den mittleren Klassen frei gemacht werden, dies war aber nicht möglich ohne Vermehrung der Lehrkräfte In diesem Sinne wandte sich die Direktion an die Behörde mit dem Gesuche, die An- stellung eines neuen Lehrers für die unteren Klassen herbeizuführen. Es gelang. Nachdem die Mittel vom Landtage bewilligt worden waren, wurde eine Elementarlehrerstelle für das Gymnasium gegründet, die Direktion beauftragt eine geeignete Persönlichkeit vorzuschlagen(Rescr. v. 17. Febr. d. J.) und be- reits am 28. Februar ging ein Rescript ein des Inhaltes, dass Se. Königl. Hoheit, der Grossherzog die Anstellung des hiesigen Bürgerschullehrers Ferdinand Werneburg als Elementarlehrer beim Grossherzogl. Karl-Friedrichs-Gymnasium vom 1. April d. J. an zu genehmigen geruht habe. Zugleich war das Anstellungsdekret für denselben beigefügt. Die ihm von der Direktion zugewiesenen Lektionen sind biblische Geschichte und Naturkunde in Quinta und Sexta, sowie Rechnenunterricht in Quarta, Quinta und Sexta. Somit war die Stelle eines besonderen Hülfslehrers für das Rechnen mit dem Schlusse des Schuljahres erledigt.
Dieser Schluss aber erfolgte am 23. März mit Censurvertheilung und Translokation.
Ausser den im Vorstehenden angeführten Ministerialrescripten sind noch folgende zu erwähnen: Vom 23. Februar 1871(nachgeholt): es sei von Seiten der Direktion des Grossherzogl. Real- gymnasium in Eisenach beantragt worden, dass eine Norm festgesetzt werde. bis zu welchem Lebens- alter Schüler in den drei untersten Klassen Aufnahme finden können, dergestalt, dass künftig in Sexta


