Jahresbericht
von Ostern 1871 bis Ostern 1872.
I. Chronik.
Das mit dem 17. April 1871 begonnene Schuljahr brachte mancherlei Mühe, aber auch viel Erfreuliches. Durch die Trennung der Tertia in eine obere und untere wurde ein neues Klassenlokal nöthig, weswegen das physikalische Lehrzimmer in den bisherigen Zeichensaal verlegt und eben dahin sämmtliche zum mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht gehörigen Apparate und Samm- lungen geschafft wurden. Mit dem Beginn des Kursus war auch das neue Klassenlokal durch die Fürsorge der hohen Schulbehörde hergestellt. Ferner wurde das Lehrzimmer der Prima dazu einge- richtet, bis die Aula fertig würde, den ganzen Cötus zu fassen, und um mehr Licht zu schaffen, wurden die Fenstergewände erweitert und höhere Fenster eingesetzt. Für die Bibliothek wurde das Lokal der früheren Gewerkenschule eingerichtet, der ganze Büchervorrath, der in dem neuen Lokale nicht hätte untergebracht werden können, einer Revision unterzogen, mit Genehmigung der Behörde (Rescripte vom 19. Oktober und 23. November 71, vom 15. Mai und 14. Juni 72) eine ziemliche An- zahl unnützer und veralteter Bücher als Makulatur verkauft, die sogenannte Kammerbibliothek an das hiesige Grossherzogl Appellationsgericht, die grosse Mehrzahl der theologischen an die Bibliothek des hiesigen geistlichen Ministerium, eine kleine Anzahl an das Realgymnasium abgegeben und der nicht unbedeutende Rest mit Hülfe der erwachseneren Schüler in das neue Lokal geschafft und unter Aufsicht der Lehrer, die den Direktor auch bei der Revision auf das bereitwilligste unterstützt hatten, neu geordnet und aufgestellt. Die Anlegung eines neuen Katalogs wurde auf den Antrag der Direktion durch Rescript vom 25. September 71 dem Dr. Wilhelm unter Verwilligung einer angemessenen Remu- neration übertragen. Dieser Katalog ist bereits fertig.
Nun konnte auch dazu geschritten werden, das bisherige Bibliothekslokal zur Aula umzugestalten und damit ein seit Jahren empfundenes Bedürfniss zu befriedigen. So ist denn durch die gütige Fürsorge der Behörde, der das Gymnasium schon so viel verdankt, ein sehr freundlicher Saal hergestellt und mit den nöthigen Utensilien ausgestattet, in welchem von nun an die Morgenandachten und die üblichen Schulfeierlichkeiten abgehalten werden können. Am 11 März d. J. wurde die Aula durch die erste Morgenandacht, welcher alle Lehrer beiwohnten, eingeweiht und der Direktor sprach bei dieser Gelegenheit den tiefgefühlten Dank aus, den Lehrer und Schüler der hohen Behörde schuldig sind.
Endlich wurde auch die Wohnung des Schuldieners zweckmässig verbessert und erweitert.
Am 24. Juni feierte das Gymnasium das Geburtsfest Sr. Königlichen Hoheit des Grossherzogs aus Mangel an einem geeigneten Lokale diesmal in verschiedenen Klassen. In Prima, Sekunda und der oberen Tertia hielt der Direktor eine Ansprache*), worauf der Oberprimaner Landsberg den zweiten Chorgesang aus Eurip. Iphigen. Taur., der Oberprimaner Schomburg Horat. IV. Od. 9, der Obersekundaner Henning Ovid epistol. ex Ponto III, 2, V, 45— 96., der Obersekundaner v. Boyneburgk I'ltalie et Rome von Saint-Victor vortrugen. In der unteren Tertia und den übrigen drei Klassen hielten die Klassenlehrer geeignete Ansprachen an ihre Schüler und mehrere Schüler trugen deutsche Gedichte vor
Mit dem Beginn der Sommerferien erkrankte der Klassenlehrer der Sexta, Dr Möller, und da keine Wahrscheinlichkeit einer baldigen Genesung da war, musste für eine Vertretung desselben ge- sorgt werden. Diese übernahm mit Genehmigung des Grossherzogl. Ministerium, Departement des
*) Sie ist in der hiesigen Baerecke'schen Hofbuchhandlung gedruckt erschienen.


