Jahresbericht von Ostern 1870 bis Ostern 1871.
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I. Chronik.
Ohne Ahnung dessen, was es in seinem Verlaufe bringen würde, begannen wir am 25. April 1870 das neue Schuljahr. Nach der Morgenandacht führte der Direktor den schon im vorjährigen Pro- gramme S. 10. erwähnten neuen Lehrer ein, Herrn Dr. Edmund Theodor Schneidewind. Derselbe ist am 27. December 1839 zu Sangerhausen in der Provinz Sachsen geboren, besuchte von Ostern 1853 bis Michaelis 1858 das Gymnasium zu Nordhausen, studierte auf den Universitäten zu Heidelberg, Göttingen und Berlin klassische Philologie, promovierte am 26. März 1863 bei der philosophischen Fakultät in Halle mit der Dissertation: de casus locativi vestigiis apud Homerum atque Hesiodum und bestand im April 1864 sein Staatsexamen. Zu Ostern desselben Jahres trat er am Gymnasium zu Nordhausen sein Probejahr an, wurde 1866 daselbst als ordentlicher Lehrer angestellt, schrieb 1867 die Programmabhandlung: König Nabis und seine Bedeutung für Sparta, und blieb bis Ostern 1870 an genannter Anstalt thätig. Am hiesigen Gymnasium sind ihm vorzugsweise die Fächer der Geschichte und Geographie sowie in Prima und Sekunda das Französische übertragen.
Se. Königliche Hoheit, der Grossherzog, hatte die Gnade durch höchstes Dekret vom 21. April dem Herrn Professor Dr. Weissenborn das Prädikat als Hofrath zu verleihen.(Rescript an die Direktion vom 21. April mit Abschrift des höchsten Dekrets.)
Am 13. Mai erfreute Herr Geheime Staatsrath Dr. Stichling das Gymnasium durch seinen Besuch.
In noch ungestörtem Frieden beging am 2. Juni das Lehrer-Kollegium mit den erwachsenen Schülern die Beicht- und Abendmahlsfeier, nachdem Herr Hofrath Dr. Weissenborn in der Schule die Vorbereitungsandacht gehalten hatte, und ferner am 24. Juni die Feier des Geburtsfestes Sr. Königlichen Hoheit, des Grossherzogs. In dem dafür veranstalteten Actus hielt Herr Dr. Möller die Festrede, in welcher er einen Neujahrstag in Rom zur Zeit des Kaisers Nero schilderte. Nach ihm sprach der Oberprimaner Reussner das von ihm gefertigte metrische Gebet für das Wohl des Landesherrn und seines hohen Hauses, darauf trug der Oberprimaner Katzenstein Horat. III Od. I, der Oberprimaner Arnold I. den Chorgesang aus Eurip. Bakchen V 370— 427, der Obersekundaner von Göckel Ovid. Fast. II 639— 684, der Untersekundaner Slevogt les hirondelles von Béranger und je zwei Schüler aus den übrigen Klassen deutsche Gedichte vor.
Als die Sommerferien zu Ende gingen, hatte der Ueber- und Frevelmuth Frankreichs den Kampf für Deutschlands Ehre und Unabhängigkeit herbeigeführt. Es konnte nicht fehlen, dass dadurch die Gemüther der Schüler erregt wurden und um so mehr, als das, was sie täglich vor Augen hatten, die kriegerischen Rüstungen, die Durchzüge der Truppen, unmittelbar auf sie ein- wirkten. Auch liess sich erwarten, dass Schüler oberer Klassen in den grossen Kampf mit ein- treten würden. Zur rechten Zeit erschien daher in der Landeszeitung am 1. August eine Verord- nung des Grossherzogl. Ministerial-Departements des Kultus, dass Oberprimaner, die sofort in das deutsche Heer eintreten wollten und bereits im dritten Semester die Prima besuchten, ohne weitere förmliche Prüfung blos auf das Urtheil ihrer Lehrer hin das Zeugniss der Reife für die Universität erhalten durften. Es meldeten sich fünf, als
Otto Reussner aus Neustadt 2/0., Ernst Schill aus Berka a/W., August Rauch aus Wohlmuthhausen, Karl Ausfeld aus Schnepfenthal, Oskar Henssgen aus Rödigsdorf.


