armeren Volksklassen. Rechnet man noch die ungeheuren Ausgaben hinzu, die zuletzt die Kräfte Einzelner weitaus überstiegen, so dass Viele dem Amte eines Prätoren die Flucht vorzogen, und dem sogar gesetzlich Einhalt gethan wurde; dass der corrumpirende Einfluss, den die Spiele nach und nach in ihrer Ausartung und Uebertreibung alles Natürlichen ausübten, nicht nur die niedern, sondern auch die höheren Stände treffen musste, so war es eine natürliche Folge, dass die Letz- teren der Entsittlichung noch mehr ausgesetzt waren, als die Armen. Es verfiel die höhere Aristo- kratie Roms nach und nach dem Einflusse der Spiele so, es absorbirten diese Festlichkeiten bei einer grossen Anzahl der vornehmen Römer alle geistige Arbeit in dem Masse, dass endlich auch das Gefühl des Anstandes verloren ging, dass sie sich nicht scheuten, öffentlich aufzutreten, als Gladiatoren auf der Arena sich umherzutummeln, als Rosselenker, in die Farben ihrer Partei ge- kleidet, im Circus umberzujagen, da auch die Kaiser grossentheils nur in diesen Künsten eine Hauptbeschäftigung suchten, und nicht nur wie Commodus aus dem kaiserlichen Palast in die Gladiatorenkaserne übersiedelten, sondern sogar umherreisten und in fremden Ländern ihre Künste bewundern liessen. Dazu kam noch, dass die despotischen Herrscher Roms, mit einziger Aus- nahme vielleicht Tiber's, diese allgemeine Leidenschaft benutzten, um die mächtige Aristokratie der Stadt mehr und mehr herunterzudrücken, um ihr den letzten Schein eines überlegenen An- sehens zu entreissen. Denn wenn der Kaiser die Grossen des Reiches, die auf ihre Familien und ihr Ansehen so stolzen Senatoren, zwingen konnte, vor dem Volke in dem bekannten Costüme der Gadiatoren und Rosselenker aufzutreten, so musste der Glanz der alten Geschlechter allerdings bei den Tausenden erbleichen, die, aus den untersten Schichten des Volkes hier versammelt, durch den Kaiser selbst berechtigt waren, ihr Lob und ihren Tadel über einen Senator ebenso laut kund zu geben, wie bei den Leistungen eines gekauften Sklaven.
Durch die Anziehungskraft, welche Circus und Arena auf die grosse Mehrzahl der römischen Bevölkerung ausübten, mussten die Theater der Stadt, auf denen nur Bühnenstücke aufgeführt wurden, bedeutend in den Hintergrund treten. Wollten sie daher einige Anziehungskraft ausüben, so blieb ihnen bei der Abgestumpftheit der grossen Masse für Alles, was nicht die Sinne reizte, nichts übrig, als ebenfalls zur rohen Belustigung durch gewöhnliche Possen, die Atellane und den Mimus, beizutragen, in denen auch die städtischen Verhältnisse und Personen heruntergezogen und gegeisselt worden. ¹⁰) Kam es doch vor, dass die Mimen die geachtetsten Senatoren, ja selbst den Kaiser bei ihren Darstellungen nicht schonten.
Unter solchen Verhältnissen hatten die Komödie und namentlich die Tragödie wenig Aussicht auf Erfolg, und es war auch nur ein Kleines, ausgewähltes Publikum, welches Sinn für die besseren Dichtungen bewahrt hatte und bewies.„Die tragischen Dichter“, sagt Bernhardy, Grundr. d. röm. Lit. S. 386,„zogen immer mehr von der Bühne sich zurück und begehrten fast nur den Beifall eines engeren Kreises gebildeter Männer; ihre Dichtungen dienten der Deklamation und ersetzten durch korrekten Stil, was ihnen an scenischer Kunst abging.“ Neues wurde allerdings wenig ge- schaffen, meist Uebersetzungen oder Nachbildungen griechischer Werke, es war aber Altes, und zwar Schönes, in reichem Masse vorhanden. Die einzelnen Stücke wurden auch gut aufgeführt von tüchtigen Schauspielern, unter denen sich mehrmals auch Griechen auszeichneten. Aber die Wenigen, die wirklich ästhetisches Interesse dafür hatten, lasen die einzelnen Dichtungen lieber, als dass sie sich dieselben, im halbleeren Theaterraume sitzend, vorspielen liessen. Auch die Tra- gödie übte keine Anziehungskraft, vielleicht sogar noch weniger. Denn die äussere Erscheinung
der Schauspieler im Drama, die althergebrachte Kleidung mit Cothurn und schleppendem, weit aus- 1
10) Bernhardy, Grundr. d. röm. Liter. S. 429.— Friedländer, Sittengesch. Roms II, S. 289.


