Jahrgang 
1871
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welches bei den häufigen Triumphzügen gefangene Fürsten in zahlreicher Menge vorüberziehen sah, musste gerade durch die imposante Grösse der versammelten Volksmenge, durch den Anblick der auf den ersten Reihen befindlichen Senatoren, der oft in grosser Anzahl anwesenden fremden Fürstlichkeiten und Gesandten und der auf den höheren Plätzen sitzenden Bürger im weissen Fest- gewande, untermischt mit Tausendens aus weiten, fernen Ländern, verschiedensten Stammes und verschiedenster Farbe, ein solches Volk musste auch noch in der ersten Zeit seines Verfalles gerade durch solche Schauspiele in seinem Traume des alten Glanzes und der alten Herrlichkeit festge- halten werden.

Wenn die Schauspiele, wie bekannt, meistens aus den religiösen Gebräuchen, aus den Fest- lichkeiten und Ceremonien der alten heidnischen Götterverehrung hervorgingen, so verlor sich doch gerade diese Bedeutung nach und nach ganz, und sie dienten schliesslich nur dazu, die grosse Masse des Volkes durch glänzende Kostüme und Aufzüge zu ergötzen.

) Sæpe etiam audacem fugat hoc terretque poëtam, Quod numero plures, virtute et honore minores, Indocti stolidique et depugnare parati, Si discordet eques, media inter carmina poscunt Aut ursum aut pugiles, his nam plebecula plaudit Verum equitis quoque iam migravit aub aure voluptas Omnis ad incertos oculos et gaudia vana etc.

Auch sollten diese Feste die Dankbarkeit gegen die Kaiser erwecken und die Bevölkerung, namentlich die ärmeren Klassen, von den politischen Vorgängen abziehen, und wo man keine Liebe und Zuneigung zum unbeschränkten Herrscher erwarten konnte, doch wenigstens eine gewisse aussere Zufriedenheit erwecken und, so zu sagen, durch Befriedigung des Magens und des Auges die Anhänglichkeit und die Ruhe der Menge, wenn auch mit schweren Geldopfern, erkaufen. Wie denn Justinian im Jahre 521 für Schauspiele und Thierkämpfe 1,210,000 Thaler nach unserm Gelde ausgegeben hat. Marcellin. com. chron.: Famosissimum hunc consulatum Justinianus omnium Orientalium consulatu profecto munificentius his liberalitatibus edidit. Nam CCLXXXVIII milia solidorum in populum, inque spectacula sive in spectaculorum machinam distributa, XX leones, XXX pardos exceptis aliis feris in amphitheatro simul exhibuit ⁵5) Durfte doch ein beliebter Pantomime dem Kaiser Augustus, als dieser sich tadelnd gegen ihn ausgesprochen, ungestraft antworten): Gνμηα˙ε ⁶ο˖ Kεσς ν ᷣ1ιμάἀ τν ράν 211 οιιουέ⁵ε⁵ςσσαραα Wurde doch durch die Erinnerung an die grossartige Pracht, welche Nero in seinen Schauspielen entfaltete, das Andenken an ihn so lebhaft wach erhalten, dass man noch Jahrzehnte nach seinem Tode seine Rückkehr erwartete, und die Christen in banger Erwartung seiner Wiederkunft als der des Antichrist's entgegensahen.

Wie in den neuesten Zeiten die grosse Hauptstadt unseres Nachbarreiches Schritt um Schritt dem Untergange näher geführt wurde, wie dort Despoten sowol wie sogenannte Volksfreunde die grosse unbemittelte Menge an Arbeitsscheu und Vergnügungssucht gewöhnten, so war auch in Rom der fortwährend wiederholte Ruf nachBrod und Schauspielen nach und nach sprüchwörtlich geworden. Die grosse Masse des Volkes war durch die jährlich anwachsende lange Reihe ver- schiedenartigster Feste, durch die reichlichen Getreidespenden und die zahlreich wiederkehrenden

4) Horat. epist. II, 1, 182 und fgg. ) Nach Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms etc. II, S. 165, Anm. 5. 6) Dio LIV. 17.