Jahrgang 
1871
Einzelbild herunterladen

Ueber die römischen Schauspiele zur Kaiserzeit.) Von Dr. Alexander Möller.

VN enn wir hier und da in den Werken alter Schriftsteller und Philosophen ein Verdammungs- urtheil über die römischen Waffen- und Kampfspiele lesen, so ist doch nicht zu leugnen, dass diese Ansichten ziemlich vereinzelt dastehen. Wir finden in der römischen Literatur der damaligen Zeit sehr wenig Schriftsteller, die die verabscheuenden Gefühle aussprächen, mit denen in unserer Zeit derartige Schauspiele beurtheilt werden würden. Im Gegentheil, häufig lesen wir, dass mit grosser Gleichgültigkeit von diesen Festen gesprochen wird, ebenso häufig aber auch drücken Autoren, wie Martial, Plinius der Jüngere u. a. sogar ihre belobende Freude darüber aus, dass Freunde wegen irgend eines fröhlichen Ereignisses im Kreise der Familie oder wegen eines Trauer- falles Festspiele veranstalteten, an denen Thierkämpfe oder andere blutige Schauspiele aufgeführt wurden. Wurden doch diese grausigen Metzeleien von Martial ²) mit den Thaten des Herkules verglichen, sogar noch über dieselben gesetzt. Man ging in dem Gefallen an diesen Festen soweit, zu erklären, dass der Anblick der Kämpfe, des Hinschlachtens sowol der Thiere als der Menschen, durchaus nöthig sei, um die Gemüther der jungen Römer für den Krieg zu stählen, um sie durch häufige Wiederholung des Schauspiels an Blut und Gefahr zu gewöhnen. Auch Cicero ³) sagt: Crudele gladiatorum spectaculum et inhumanum nonnullis videri solet, et haud scio an ita sit, ut nunc fit. Quum vero sontes ferro depugnabant, auribus fortasse multæ, oculis quidem nulla poterat esse fortior contra delorem et mortem disciplina. Dass diese Ansicht nicht nur durch die Geschichte der neuesten Zeit, sondern auch des grauesten Alterthums, namentlich der Glanzperiode des alten Griechenlands, widerlegt wird, ist bekannt. Waren ja doch die socialen Verhältnisse der damaligen Zeit ganz andere, war ja doch der allgemeine sittliche Zustand der römischen Bevölkerung durch die strenge Scheidung der Stände, durch die verachtete Stellung der Sklaven, durch das fortwäh- rende Zuströmen fremder, störender Elemente aus allen Ländern der damals bekannten Welt, auf einer sehr niedrigen Stufe der Entwickelung.

Hierzu kamen namentlich noch zwei Gründe, die das römische Volk mit einer solchen Leidenschaft in diese merkwürdigen Kampfspiele hineintrieben. Das waren die Macht der Gewohnheit und die grossartige Pracht, mit welcher diese Schauspiele der erstaunten Versammlung vorgeführt wurden. Ein Volk, welches so viele Siege erfochten, so viele Länder erobert, so viele Könige besiegt hatte,

¹) Nachstehendes macht nicht den Anspruch einer auf Forschungen beruhenden, durch Neugefundenes aus- geschmückten Abhandlung, sondern ist ein Versuch, das bis jetzt auf diesem Gebiete Vorhandene in möxglichster Uebersicht, namentlich zur Lektüre für unsere Schüler, zusammenzustellen.

) Martial. V, 65.

) Cic. Tusc. II, 17, 41 und ähnlich II, 20, 46.