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Trotz der weitläufigen Abhandlung über den Regenbogen und der angeführten Beispiele über Spiegelung und Brechung kommt aber Seneca, wie schon bemerkt. der Erklärung nicht einen Schritt näher, sondern behauptet, der Regenbogen sei ein Bild der Sonne und werde in einer wässerigen und hohlen Wolke erzeugt ¹³⁹), wobei die Angabe bemerkenswerth ist, dass es keine bestimmbare Anzahl der Farben im Regenbogen sei ²⁰).
Bis an das Ende des 16. Jahrhunderts blieb die Erklärung des Regenbogens noch immer un- vollkommen, denn seit Ptolemaeus(im zweiten Jahrhundert nach Christus), bei dem wir die beiden Grundgesetze finden, dass beim Uebergang aus einem dünneren in ein dichteres Mittel der Licht- strahl sich dem Einfallslothe nähere und beim Uebergang aus einem dichteren in ein dünneres sich von demselben entferne, und der den Gedanken äussert, dass zwischen den Einfalls- und Brechungs- winkeln, so lange die brechenden Mittel dieselben bleiben, ein constantes Verhältniss stattfinden dürfe²¹), schlummern überhaupt die Untersuchungen über die Optik, bis wir sie erst im 11. Jahr- hundert bei den Arabern wiederfinden.
Zwar ist schon bei dem Polen Vitello ²²)(um das Jahr 1270), dessen besonderes Verdienst darin besteht, die Optik des Alhazen verständlicher und geordneter vorgetragen zu haben, im 10ten Buch 65. klar und deutlich ausgesprochen, der Regenbogen entstehe durch eine Zurückwerfung und Brechung der Strahlen des leuchtenden Körpers, aber der Weg der Lichtstrahlen in den einzelnen Tropfen ist durch gar keine Zeichnung erläutert. Er unterscheidet hauptsächlich drei Farben, color puniceus, viridis, alurgus, und in Bezug auf ihre Verschiedenheit äussert er sich selbst nach der Aristotelischen Farbenlehre im 10ten Buch 67. folgendermassen: Colores autem iridis secundum verum, quod se nobis post multos cogitatus et experientias obtulit, sic possunt declarari. Quia enim totus vapor roridus(qui est materia iridis) in superficie et profundo est irradiatus et ipsius est multa profunditas: patet quia ipse in aspectu sui ad solem serenius et immixtius habet lumen,
¹⁵) I, 3: Illud dubium esse nulli potest, quin arcus imago solis sit roscida et cava nube concepta ²⁰) Seneca führt bei dieser Gelegenheit eine Stelle aus Ovid's Metam. VI, 66. an: Sed nunc diversi niteant cum mille colores, Transitus ipse tamen spectantia lumina fallit; Usque adeo, quod tangit, idem est, tamen ultima distant.
*1¹) Wilde, Geschichte der Optik, I. Band, S. 57 u. S. 59.
²²) Des Vitello polnischer Name ist Ciotek Kälbchen, das Deminutivum von ciele Kalb(böhmisch tele). Vitello ist die italienische Uebersetzung dieses Namens.
Das vor mir liegende Buch, welches die Optik des Alhazen und des Vitello enthält, hat folgenden Titel: Opticae thesaurus Alhazeni Arabis libri septem, nunc primum editi. Item Vitellonis Thuringopoloni libri X. A Federico Risnero, Basileae Per Episcopios. MDLXXII.
In der ersten Ausgabe, die Georgius Tanstetter 1555 veranstaltet hat, heisst es in der Zuschrift desselben: Authori porrò nomen est gentile Vitello, qui ex Turingis Polonus annis ut conjicio ab hinc plus, minus. D C. vixit.
Das Werk selbst hat Vitello einem Dominikaner Wilhelm de Morbeta oder Morbeka gewidmet mit folgenden Worten: Veritatis Amatori Fratri Guilielmo de Morbeta, Vitello filius Thuringorum et Polonorum, aeternae lucis irrefracto mentis radio foelicem intuitum, et intellectum perspicuum subscriptorum.
Zur Erläuterung dieser etwas dunkelen Stelle könnten folgende Stellen aus Plato dienen. Plato de rep. VI, p. 508. A. ed. Steph. wo Socrates fragt: Welchen unter den Gôttern im Himmel kannst du als den Urheber des Gesichtssinnes und der Sichtbarkeit angegeben, dessen Licht für uns bewirkt, dass die Sehkraft am besten
sieht und das Gesehene gesehen wird?— Die Sonne. Die Sonne ist nicht das Gesicht und auch nicht das Auge, wohl aber ist das Auge unter allen Werkzeugen der Sinne das der Sonne öähnlichste. Ebend. B-C: Die Sonne ist das Erzeugte des Guten, welches das Gute sich selbst ähnlich erzeugt hat.
Das Gute ist nämlich in der Sphäre des Geistigen in Beziehung auf den Verstand und auf das Verständliche eben das, was die Sonne in der Sphäre des Sinnlichen in Beziehung auf das Gesicht und auf das Sichtbare ist; vergl. VII, D. 517. B-C. 4


