Jahrgang 
1866
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Nachdem vom 7. bis 9. September die schriftliche, am 21. und 22. die mündliche Prüfung vorgenommen worden war, wurde das Sommerhalbjahr am 23. mit der Censurvertheilung geschlossen.

Das Winterhalbjahr nahm am 9. Oktober seinen Anfang. In dasselbe fielen 5 Studien- und Arbeitstage.

Vom 28. Februar bis zum 2. März wurde die schriftliche Prüfung der diesjährigen sechs Abiturienten und der übrigen Schüler, am 8. März die mündliche der Abiturienten und am 20. bis zum 22. die öffentliche Hauptprüfung sämmtlicher Klassen vorgenommen, worauf am 24. die Censur- vertheilung und Translokation erfolgte. Um 10 Uhr desselben Tages wurde der übliche Actus gehalten, in welchem vier Abiturienten mit eigenen Vorträgen auftraten und zwar Richard Schäfer

mit einer lateinischen Rede: Ciceronis vita rerum humanarum inconstantiae testis, Richard Leut- becher mit einer deutschen über die Bedeutung einer ruhmvollen Vergangenheit für ein Volk, Julius Landmann mit einer lateinischen Ode über die Worte; invia virtuti nulla est via. Dann nahm Wilhelm Rein in einem deutschen Gedichte von der Schule Abschied und der Primaner Julius Helmbold sprach die Erwiederung ebenfalls in einem deutschen Gedichte. Zuletzt entliess der Direktor die Abgehenden mit Aushändigung ihrer Maturitätszeugnisse und Entlassungsscheine, nach- dem er folgende Ansprache an sie gehalten hatte:

Heilig ist die Jugendzeit!

Treten wir in Tempelhallen,

Wo in düstrer Einsamkeit

Dumpf die Tritte wiederhallen!

Edler Geist des Ernstes soll

Sich in Jünglingsseelen senken,

Jede still und andachtsvoll

Ihrer heil'gen Kraft gedenken! So lässt Uhland in dem Gesange der Jünglinge diese sich selbst anreden und ermuntern und am Schlusse mit wieder- holter Mahnung sich zurufen:Darum geht in Tempel ein,

1Edlen Ernst in Euch zu saugen!

Wäre es nöthig gewesen, dass in der Stunde, die Sie jetzt durchlebt haben, diese Mahnung erst von aussen her an Sie gebracht würde? Sollten sich jetzt, Wo ich vor Jhrem Scheiden noch einige Worte an Sie richten will, wo Sie mir Auge in Auge gegenüber getreten sind, nicht Gefühle in Ihnen geregt haben, die voll tiefen Ernstes sind? Und wollten Sie nicht in Ihrem Herzen mir das Recht geben zu hoffen und auszusprechen, dass es ein edler Geist des Ernstes sei, der sich in Ihre Secle gesenkt habe? Ich habe es niemals getadelt oder gar verspottet, wenn derjenige von den auf die Universität Abgehenden, der für sich und im Namen seiner Freunde die Abschiedsworte sprach, in diesen Empfindungen der Wehmuth und des Schmerzes aussprach. Ich versetze mich da jedesmal in die Zeit zurück, wo ich selbst mich von Lehrern trennen sollte, die ich als Knabe und heranreifender Jüngling lieben und verehren gelernt hatte. Ich denke mir, dass jeder gute Schüler in solcher Lage, wenn er der Stimmung seines Herzens folgen und seinem Gefühle einen angemessenen Ausdruck geben will, so empfindet und so spricht, ohne sich selbst zu belügen. Ich suche nur dem Ausdrucké das rechte Maas zu geben und dem, was die augenblickliche Stimmung und die jugend- liche Phantasie der Feder übergibt, die geziemende Grenze zu setzen. Aber ich folge auch hierbei meinem Gefühle und meiner Erfahrung als Lehrer, denn ich wähle mir dazu den Schüler, dem ich Gemüth und Gefühl zutraue, so dass er nicht Worte auf den Lippen bat, von denen, wie man sagt, sein Herz nichts weiss. Also, um zu den Worten unseres Dichters zurückzukehren, warum darf ich hoffen, dass sich jetzt Ernst in Ihre Seele gesenkt habe? Ich erinnere Sie an das Doppelgesicht des altitalischen Janus und meine, dass Sie einen Blick rückwärts und einen vorwärts werfen. Der Blick rückwärts wendet sich noch einmal in rascher Uebersicht auf Ihr Schulleben, welches heute seinen Abschluss erhält. Denn ich denke mir, dass Sie in diesem Augenblicke diese Erinnerung nicht von sich weisen können, ehe Sie den Fuss über die Schwelle setzen, der Sie von hinnen führt, und wenn Sie es redlich und aufrichtig mit sich selbst meinen, müssen Sie sich fragen, ob Sie gewissenhaft hausgchalten haben mit dem, was Ihnen die gütige Vorsehung an Geistesgaben geschenkt, ob Sie die Reinheit Ihres jugendlichen Herzens bewahrt, ob Sie die rasch vorübereilende Zeit ausgenutzt, ob Sie den Erwartungen und Hoffnungen Ihrer Eltern oder derer, deren Obhut Sie anvertraut sind, überall und stets entsprochen haben, Ja, ein glückliches und freudiges Ende des Schullebens wünschen und hoffen alle, die der Schule übergeben sind, und die Lehrer haben gar oft Veranlassung auf das Ende hinzuweisen, und die Reue ist ein gar bitteres Gefühl, auch wenn sie nicht den Vorwurf in sich trägt, dass wir in keiner Weise so sind, wie wir sein könnten und sollten. Wohl dem, den sie anspornt, in dem sie den ernsten und festen Entschluss hervorruft und zu dem heiligen Gelübde vor sich selbst verpflichtet, mit aller Kraft nach dem zu ringen, wozu er das Vermögen in sich fühlt, was die Aufgabe seines Lebens sein soll.

Doch Sie wenden lieber den Blick vorwärts. Sie haben den Anfang Ihrer Jugend hinter sich, der freiere, genussreichere, lebensvollere Theil derselben liegt vor Ihnen, es ist die Blüthenzeit Ihres Lebens. Sie meinen, Sie träten in den Ernst des Lebens ein. 0 nein, dieser ist es noch lange nicht. Sie mögen es wohl schon theilweise erfahren haben, dass das Leben kein kindliches Spiel ist, kein angenehmer Zeitvertreib, dass der Genuss des Augen- plicks, die heitere Seite des Lebens oft genug gestört wird durch trübe und schmerzliche Erfahrungen, dass mitten in das sorgenlose Knaben- und Jünglingsalter Schicksalsschläge hineinfallen, welche die glückliche Unbefangenheit und den Frohsinn dieses Alters stören und unterbrechen. Aber der jugendliche Sinn überwindet das in der Regel ohne langen Kampf, die schmerzlichen Eindrücke werden gemildert und die frohe Zuversicht erwacht aufs Neue. Und es ist ein gnädiges Geschick, dass es so ist, damit der Lebensmuth nicht zu früh gebrochen werde und die Kraft und die Hoffnung nicht zu bald erlahme, Also ich sage: die Zeit der reiferen Jugend, der Sie entgegengehen, ist noch