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nicht der wahre Ernst des Lebens. Sie fürchten diese Ihre Zukunft nicht, Sie freuen sich auf dieselbe. Diese soll Sie erst auf den kommenden Ernst des Lebens vorbereiten, Sie tüchtig und stark für denselben machen. Der Ernst aber, von dem ich hoffe, dass er Sie jetzt erfüllt, soll in stiller Andacht, wie unser Dichter sagt, Sie Ihrer heiligen Kraft, der Kraft der Jugend gedenken lassen. Das Bewusstsein dieser Kraft soll in Ihnen lebendig und auf die Dauer wach gerufen werden. Diese Jugendhkraft aber ist eine heilige, denn sie ist von Gott in Ihren Geist gelegt, und wie die ganze Menschheit, wie jedes einzelne Menschenleben und Menschenalter, so hat auch die Jugendzeit einen ethischen Zweck. Sie sollen also diese Kraft in sich entwickeln und ausbilden, um einst zu wirken. Diese Zeit einer nützlichen, segensreichen Wirksamkeit ist aber nicht Ihre nächste Zukunft, auch sie ist, wie Ihre bisherige Schulzeit, eine Vor- bereitung, nur mehr eine nähere, unmittelbarere. Die Wirksamkeit, die aus ibr hervorgehen soll, liegt über diese hinaus, ist Ihre eigentliche und wahre Zukunft. Woher aber hat die Zukunft ihren Namen? Ein deutscher Schrift- steller antwortet darauf ganz einfach: sie heisst so, weil sie doch einmal kommen wird. Das bedenken Sie! Die Zukunft ist nichts unsicheres, ungewisses, vom Zufall abhängiges, nein, sie ist das, Was Sie selbst aus sich machen, was Sie sich mit eigener Kraft, mit eigenem Streben schaffen. Haben Sie in und durch sich selbst einen Grund zu dieser Zukunft gelegt, so wird Ihnen auch der höhere Segen nicht fehlen. Doch ziehen Sie auch Ihre Zukunft mit ihren Hoffnungen und Verheissungen nicht herein in Ihre Gegenwart. Wenn das höhere Alter aus Mismuth der Gegen- wart, die ihm eine ungewohnte Umgebung, ungewohnte Verhältnisse nahe bringt, die es oft nicht versteht, die Augen verschliesst und mit allen seinen Erinnerungen in der Vergangenheit wurzelt und haftet und diese als eine glücklichere und bessere Zeit betrachtet, mit der die Gegenwart gar keinen Vergleich aushalte, so verfällt der Jüngling und gerade der mit Geist und Phantasie reicher begabte, strebsame, von einem höheren Schwunge getragene Jüngling am leich- testen in den entgegengesetzten Fehler. Solche Jünglinge leben, wie man sagt, in der Zukunft. Sie träumen sich hinein in eine Zeit, in welcher ein Leben eintreten werde von ungetrübtem Lebensglücke, in einen Wirkungskreis, in dem sie Segen ausstreuen werden nach allen Seiten hin; sie bauen sich eine innere Welt auf, wie die Wirklichkeit nicht zulässt, eben darum, weil diese kein Traum, kein Phantasiegebilde ist, sie verkennen, dass das Ideal, welches sie sich schaffen, nicht möglich ist, weil es auf falschen Voraussetzungen und eingebildeten Bedingungen beruht. Und die Folgen eines solchen Lebens in der Zukunft? Sie leben nicht für die Zukunft und versäumen gar lcicht, sich ihre geträumte Zukunft zu gründen, sie rücken diese in eine ferne Zeit und vergessen, dass die nächste Minute, die nächste Stunde, der folgende Tag ein Theil der Zukunft ist, mit einem Worte: sie leben nicht in der Gegenwart für die Zulcunft. Sie wünschen der Zeit Flügel, die sie hinübertrage in ihre ideale Welt. Was es heisse: dies diem docet, verstehen sie nicht, weil sie nicht verstehen die Gegenwart auszubeuten.
Aber freilich andere Jünglinge leben auch blos in der Gegenwart, ohne zu bedenken, was darauf und daraus folgt, und man kann leider nicht sagen, dass dieser Fehler so ganz selten sei bei der akademischen Jugend. Solchen Jünglingen ist der Genuss der Gegenwart die nächste Aufgabe und gar nicht selten ein Geuuss, von dem die Musen und die ihnen verschwisterten Grazien sich fern halten.
Und dies sei meine letzte Mahnung an Sie, liebe Jünglinge, eine aus wohlmeinendem Herzen an Sie gerichtete Bitte: gleichen Sie solchen Jünglingen nicht, die 8 in der Gegenwart leben. Bedenken Sie, was der edle Uhland gesagt hat: heilig ist die Jugendzeit! Halten Sie sich oft und wiederholt die Pflicht vor, immer auf das nächste hin- zuwirken, in gewissenhafter Benutzung der Gegenwart die Grundlage einer glücklichen Zukunft zu suchen, nicht von einem glücklichen Zufall, nicht von der Gunst der Umstände oder der Menschen Ihr Glück abhängig zu machen, sondern von dem eigenen Fleisse, von dem eigenen Verdienste. Sie wollen sich der Wissenschaft widmen, nun, so beherzigen Sie die Worte, dass Wissen ein Schatz und Arbeit der Schlüssel dazu ist, und lassen Sie sich von dem alten Fischart zurufen: nichls ist also schwer und scharf, das nicht die Arbeit unterwarf. Mehrere von Ihnen stützb nicht mehr die Iland eines hebenden Vaters, nur der sorgenvolle Blick der Mutter begleitet sie auf dem neuen Wege. Seien Sie darum um so mehr Ihrer kindlichen Pflichten eingedenk, seien Sie darum um so fester und stärker im Rechten! Sie alle aber halte und schütze der lebendige Gedanke an den, der jedem redlichen Streben und Thun der Menschen seinen Segen verleiht und alles glücklich hinausführt, was in seinem Geiste unternommen und begonnen wird.
Zu erwähnen sind endlich noch folgende Ministerialrescripte: a) des hohen Departements der Justiz und des Cultus vom 27. Dezember 1865, des Inhalts, dass statt 170 von jetzt an 177 Exem- plare des Programmes für Preussen eingesendet werden sollen; vom 8. und 22. Februar 1866 mit der Bestimmung, dass von jetzt an Schüler in die Sexta in der Regel nicht vor vollendetem neunten Lebensjahr aufgenommen werden dürfen.
b) Des hohen Departements der Finanzen vom 22. März 1866, laut dessen dasselbe, da sich in neuerer Zeit so viele junge Leute der Wahl des forstlichen Berufs für den diesseitigen Staats- dienst zugewendet haben, dass sich für die betreffenden Aspiranten die Aussicht auf dereinstige Anstellung zur Zeit als sehr ungünstig darstelle, veranlasst sieht, darauf zu geeigneter Beachtung und Einwirkung aufmerksam zu machen und zu bemerken, dass auch die Einstellung junger Forst- leute im Vorbereitungsdienste mit Gehalt unthunlich sei, wenn die etatmässigen Forstgehülfen- Stellen besetzt sein werden.


