61. Auf das besäete Flachsfeld steckt man hohe Weidenruthen, dasz der Flachs recht hoch wachse. Man schält an diesen Ruthen auch den Bast ab, damit das aus dem Flachs gesponnene Linnen recht weisz werden möge.(Tiefenort.)
62. An andern Orten säet man den Lein gern an demselben Wochentage, an welchem im Winter der erste Schnee gefallen ist.
63. Wenn sich der Flachs, welcher für ein Brautpaar bestimmt ist, legt, hat dasselbe in der Ehe Unglück zu fürchten.
64. Man sucht den ausgestreuten Samen vor dem Vögelfrasz dadureh zu schützen, dasz man dreimal um das Saatfeld herumgeht, dabei den Spruch:
„Meinen Weizen will ich säen, Die Vögel sollen Erden freszen Und meinen Weizen laszen stehen!“ hersagt und beim dritten Mal hinzufügt:„im Namen des Vaters †, des Sohnes † und heil. Geistes †.“
65. Vergiszt der Landmann bei der Aussaat ein Beet zu besäen, so hat er sich einen Sarg gesäet. Ein Glied aus der Familie musz sterben. Auch stirbt Jemand aus der Familie, wenn auf dem Krautlande ein Kohlkopf mit weiszen Blättern gewachsen ist.
66. Beim Krautsetzen pflegt man sich gegenseitig hinzuwerfen oder zu sagen:„Haider wie mein Kopf, Blätter wie meine Schürze.“ Man hofft dadurch schönes Kraut zu bekommen. Vor Raupen glaubt man dasselbe zu schützen, dasz man sagt:„Barthel ins Kraut, Raupen aus dem Kraut in die Ruhl zur Kirmes.“(Marksuhl.)
67. Am Tage Jacobi gehen die Leute in den Ortschaften an der Werra und vor der Rhön durch ihre Krautäcker, um den Jacob hinaus zu jagen und den Barthel hinein zu tragen.
68. Auf Bartholomäi geht man nicht aufs Krautfeld, um den Barthel nicht zu verscheuchen, der an diesem Tage die Häupter setzt.
69. Beim Schneiden des Getreides werden an manchen Orten die ersten und letzten Hampfeln Aehren kreuzweise auf den Acker gelegt.
70. Seine Arbeit beginnt der Schnitter mit den Worten:„Gott walt's!’“ Ehe er aber anfängt, nimmt er drei Halme und bindet sie um sich, damit er keine Kreuzschmerzen bekomme. Findet er eine Doppelähre, so nimmt er sie mit nach Hause, steckt sie hinter den Spiegel und schützt damit sein Haus vor dem Einschlagen des Blitzes.(Herda. Wünschensuhl.) S. Grimm Mythol. p. 1090.
71. Dem, welcher den letzten Schnitt thut, ruft man zu:„du hast den Alten und muszt ihn auch behalten.“(Merkers bei Tiefenort.) Die letzte Garbe wird auch etwas unförmlicher, dicker gebunden, bekommt die Form eines Hahns und heiszt„Erntehahnt“.(Wünschensuhl.)
72. Beim Binden des Getreides nimmt der Vorschnitter von jeder Fruchtart die letzte Garbe für sich und daraus wird zum„Erntehahn“ ein groszer Kranz gebunden, der dem Gutsherrn mit einem Glückwunsche überbracht wird. Dafür bekommen die Schnitter eine Mahlzeit, welche gewöhnlich auf dem Hofe gehalten und„Erntehahn“ genannt wird.(Tiefenort. Marksuhl.)
73. Auf dem letzten Acker einer Getreideflur, namentlich auf dem letzten Kornacker, läszt man beim Schneiden einige Halmen ungemäht stehen, dreht sie zusammen, bindet oben unter den Aehren ein Strohseil darum und schmückt diesen Halmbusch, der so die Gestalt einer Puppe erhalten hat, mit Laub und Feldblumen aller Art. Auch wird in die Mitte der Halmen ein Kreuz von dünnen Ilolzstäben gesteckt und die Aehren so um den Stock gewunden und geflochten, dasz eine menschen- ähnliche Figur mit Kopf und Armen dunraus entsteht, die gleichfalls mit Laub und Blumen ausgeputzt wird. Alsdann reichen sich zuweilen Schnitter und Schnitterinen die Hände und umtanzen, ein Lied singend, den Halmbusch oder die Kornpuppe. Früher sprach auch der Vorschnitter, ehe der Tanz begann, mit entblösztem Haupte ein Gebet oder einen Segenspruch. Dieser Erntebrauch besteht in


