14
feierlichen Auszug in das wogende Saatfeld zu halten, dort eine gottesdienstliche Feier und Andacht zu begehen und zuletzt auf dem Anger vor der Stadt den Tag heiter und fröhlich zu beschlieszen. Bis zum Jahre 1801 fand dieser Auszug in folgender Weise statt. Nach dem Nachmittagsgottesdienste zogen im höchsten Festschmuck die Fuhr- und Ackerleute paarweise mit Musik und fliegender Fahne durch die belebten Straszen nach der Unterstadt, den sogenannten Niederhöfen. Auf der Brücke ward die Fahne einige Mal geschwenkt, dann ging der Zug durch das Frauenthor nach den bei dem Anger gelegenen Saatfeldern. Dort schlosz man einen Kreisz, der Fahnenträger trat in die Mitte eines Saatfeldes und schwang, während von den Uebrigen das Lied„Es woll' uns Gott gnädig sein etc.“ mit Andacht gesungen wurde, fortwährend die Fahne über das grüne, wogende Fruchtfeld. Nach dieser Feierlichkeit begab sich der Zug in derselben Ordnung auf den nahen, von uralten Linden beschatteten Anger, wo man unter freiem Himmel den Tag mit Musik und Tanz, mit Schmausen und allerlei Fröhlichkeit verlebte und beschlosz.(Thür. Vaterlandskunde 1803. S. 216.) Ueber diesen Saatgang, den die Sage von einer Waffenthat herleitet, vergl. Vernaleken Mythen und Bräuche des österreichischen Volkes S. 306. Meier Sagen und Gebr. aus Schwaben S. 399 f. Panzer Beitr. II, 90, 137.
Saat- und Erntebräuche.
55. Damit es den Feldern und Wiesen das Jahr über nicht an der nöthigen Feuchtigkeit fehle, wird dem Bauer oder Knechte beim ersten Ackergange die Tasche mit Krapfen gefüllt. Bei seiner Heimkehr wird er und sein Pflug von der Bäuerin oder Magd aus einem Versteck mit Waszer bespritzt. Dasselbe widerfährt der Magd vom Rnechte, wenn sie mit dem ersten grünen Futter heimkommt, und dem Schäfer, wenn er im Frühjahr das erstemal von der Weide heimtreibt. Vergl. Waldmann a. a. O. p. 11.
56. Wenn im Frühjahr der Kukuk ruft, betet die Bäuerin auf ihrem Acker, wo sie ihn zuerst hört, ein andächtig Vaterunser.(Steinbach bei Liebenstein.) Vergl. Zeitschr. f. deutsche Mythol. II, 94. III, 267. 235.
57. Sehr wird darauf gehalten, dasz das Säetuch von einem siebenjährigen Kinde oder doch wenigstens von einem Schulkinde gesponnen ist.
58. Wenn der Wind durch das junge, blühende Korn geht, die Saat recht wogt und Wellen schlägt, sagt man„der Wolf oder der Eber jagt durch das Korn.“
59. In dem meiningischen Dörfchen Schnett am Südabhange des Thüringer Waldes, nahe am kahlen Scheitel des Simmetsberges, stand vor Zeiten eine Kapelle des heil. Oswald, dessen Bild die Einwohner bei langer Dürre und Trockenheit nach alter Sitte um ihre Felder zu tragen pflegten, denselben damit Regen und Segen zu verschaffen. Auch bei Flurumgängen wurde das Bild um die Felder und Grenzen geführt. Weil aber die Schnetter auf ihren Höhen nur Hafer bauen konnten, vermochte der Heilige auch nur Hafer zu segnen und hiesz deshalb„Haberössel“ (Hafer-Oswald). Dieses Bild soll noch vor nicht langer Zeit ein Einwohner in seinem Hause gehabt haben.(Brückner Landesk. des Herzogth. Meiningen II, 401 f.) S. Grimm Mythol. p. 1202.
60. In Marksuhl säet man den Lein gern am ersten Dienstage im Mai. Auszer den Knochen und Rippen von dem Fastnachts gegeszenen Schweinefleisch befand sich sonst im Leinsacke noch eine Semmel und Wurst, ein Eierkuchen und etwas Branntwein als Frühstück für den Bauer, das er drauszen auf dem Felde verzehren, dabei aber auf seinem eigenen Lande sitzen muszte. Der Sack wird noch jetzt nicht kurz, sondern recht lang zugebunden, damit derselbe, auf den Schultern getragen, bis herab ans RKnie reicht und beim Gange auf den Acker, der mit groszen Schritten gemacht werden musz, tüchtig hin und her schwankt. Alsdann wird auch der Flachs auf dem Felde, wenn der Wind darüber geht, recht hin und her wogen. Sonst hatte der Bauer bei der Leinsaat auch ein Hemd an, das am Peterstage besonders dazu gewaschen war.


