Jahrgang 
1864
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bündeten gegen ihn vermöchten. Und die entscheidenden Tage rückten heran. Auf den weiten Blachfeldern um Leipzig, auf dem alten Schlachtenreviere Deutschlands, wie es mit Recht heisst, wo vor fast 900 Jahren die Magyaren niedergeworfen, wo die beiden grossen Schlachten Gustav Adolphs ausgefochten worden waren, also nahe bei Lützen, wo im Mai dieses Jahres die Russen und Preussen mit den Franzosen gekämpft hatten, sollte der Entscheidungskampf über Deutschlands Geschick getroffen werden. Iier vereinigten sich alle die Streitkräfte, welche die Gegner in's Feld führen konnten. Hier sollte eine wahre Völkerschlacht Statt finden, ein Kampf, wie ihn Europa noch nicht gesehen hatte. Dem französischen Kaiser folgten ausser seinen Franzosen Italiener, Spanier, Portugiesen, Polen, Niederländer, Schweizer, leider auch 40,000 Deutsche, die meisten freilich mit Unmuth im Herzen. Gegen ihn stand die unendliche Mehrzahl der Deutschen, dann Slaven, Ungarn, Schweden, auch Engländer, selbst Kalmücken und Baschkiren. Das Heer Napoleons bei Leipzig wird ungefähr zu 190,000 Mann mit 700 Geschützen angeschlagen. Ihm gegenüber kämpften im Verlaufe der langen Schlacht ungefähr 300,000 Streiter mit 1384 Geschützen unter dem Oberfeldherrn, dem Fürsten Schwarzenberg. Also waren die Verbündeten Napoleon der Zahl nach bei Weitem überlegen, aber für ihn war die Einheit eines entschiedenen Willens, die Grösse seines Feldherrngeistes, der alte Schlachtenruhm der Franzosen, ein Kern alter, trefflich geübter Krieger. Was den Truppen der Ver- bündeten an Erfahrung und Uebung fehlte, ersetzte frische Zuversicht und begeisterter Muth, ein fort- reissender Schwung, der sich vom schlesischen Heere unter Blücher den andern mittheilte. Ueberdies sollen gegen 100,000 Mann gar nicht in den Kampf gebracht worden sein. So entbrannte am 16. Ok- tober der Kampf an verschiedenen Orten; es war ein furchtbares Ringen um den Besitz einzelner Dörfer. An diesem Tage gebührte der höchste Preis dem Prinzen Eugen von Würtemberg, dessen Name der Schlachtenbericht kaum nannte, dessen hohes Verdienst erst in neuester Zeit recht klar an das Licht gestellt worden ist. Die beiden feindlichen Heere schliefen auf dem blutgetränkten Schlacht- felde, das Ende dieses ersten Kampfes hatte kein Heer zum Weichen gebracht; jedes mochte sich des Sieges rühmen. So viel aber war erreicht: Napoleon hatte nichts gewonnen, schon damals begehrte er Waffenstillstand. Es folgte der 17., ein Sonntag, ein Tag dumpfer Stille. Dass der Feind sich nicht regte, gab Napoleon die Hoffnung, dass der Waffenstillstand gewährt werde, aber die Verbündeten waren entschlossen sich in keine Unterhandlung einzulassen, sondern nach der ersten glücklich bestandenen Schlacht Napoleons Streitmacht zu zertrümmern. Nun endlich gewann es Napoleon über sich den Befehl zum Rückzuge zu geben, dies aber war ohne einen neuen Kampf nicht mehr möglich. Kaum aber war der 18. Oktober angebrochen, so rückten die Franzosen aus ihrer bisherigen, nicht mehr haltbaren Stellung näher nach Leipzig zurück, aber die Verbündeten rückten ihnen nahe und griffen sie von allen Seiten an, und es entspann sich ein tagelanges grässliches Gefechte und Getose; in der letzten Stunde der Schlacht donuerten von beiden Seiten sämmtliche Geschütze, die noch brauchbar waren, vielleicht anderthalbtausend Stück. In den verbündeten Heeren waren die Kämpfenden in einem Zustand der Uebermüdung, Abstumpfung und Betäubung gerathen, sie fürchteten, die Blutarbeit möchte am nächsten Morgen von Neuem beginnen. Aber ehe noch der Schlachtenlärm ausgetobt hatte, verkündete der Oberfeldherr den Verbündeten den Sieg; wenn der Feind nicht während der Nacht weiche, sollte am folgenden Tage seine Niederlage vollendet werden. Aber Napoleons Nie- derlage in Deutschland war vollendet, seine Macht in Deutschland war vernichtet. Der Rückzug der Franzosen begann unter unendlicher Verwirrung; in der neunten Stunde des 19. Oktober brach Napoleon auf, um Leipzig zu verlassen. Von nun an konnte er nur noch um die Herrschaft in Frankreich kämpfen, Deutschland war ihm verloren. Deutschlands Befreiung vom französischen Joche war errungen,

deutsche Volksthümlichkeit war gerettet. Höret noch, liebe Schüler, was Wuttke, Professor der Ge- schichte in Leipzig, in seiner Schriftdie Völkerschlacht bei Leipzig sagt:Vieles Grosse weisen die Tafeln der Geschichte, doch nichts Grösseres als jene edle Erhebung des Jahres 1813. Würdig steht