Jahrgang 
1864
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Die Leibeigenschaft wurde aufgehoben und ein zahlreicher freier Bauernstand geschaffen, eben so durch Entfernung des Zunftwesens die Freiheit der Gewerbe. Ferner verlieh eine neue Städteordnung den 1 Gemeinden das Selbstregiment. Ebenso sollte der alte Gegensatz der Stände, die Macht der Privilegien gebrochen werden, der Bürger, der Bauer, indem er ein freies, selbständiges Glied des Staates würde, Interesse gewinnen am Wohle des Staates, an welches das seinige eng geknüpft wäre. Dies war der grosse Gedanke des edlen Freiherrn von Stein, dem als er dem Machtgebote und dem Hasse Napoleons weichen musste, Hardenberg folgte. Auf Verbesserung des Heerwesens richtete Scharnhorst sein Augenmerk, die allgemeine Wehrpflicht wurde eingeführt, der Plan zu einer Landwehr entworfen, der aber erst 1813 zur Ausführung kam. Seit dem Frieden von Tilsit durfte Preussen ein stehendes Heer von nur 1 42,000 Mann haben. Aber Scharnhorst wusste Rath. Die dienstpflichtige Mannschaft wurde nur so lange inne behalten, bis sie den Waffendienst gelernt hatte, dann entliess man sie und berief andere an ihre Stelle. So wurde in aller Stille ein zahlreiches Heer gebildet. Auch fällt in diese Zeit die Einführung des Turnens durch Jahn, damit auch die heranwachsende Jugend die körperliche Kraft und durch sie den Muth hebe und stärke. Und noch eins: Noch ein Zeugniss seiner geistigen Erhebung gab das erschöpfte, ausgesogene, niedergedrückte Preussen, noch ein Zeugniss echt deutschen Geistes, noch eines dafür, worauf es seine neue Zeit bauen und begründen wolle, auf Intelligenz, auf Bildung des Geistes. Umgeben von Noth und Drangsal, heruntergedrückt zu einem kleinen, verarmten Staate, bang und sorgenvoll in die Zukaunft schauend gründete es am 15. Oktober 1810 die Universität in Berlin.

Aber alles dies waren nur Vorbereitungen, nur eine Aussaat für eine künftige Erndte. Was half aller guter Wille, was aller Muth, was der brausende Zorn und der tiefnagende Groll? Die Uebermacht des Feindes war zu gross, die Scheu, in die man sich hinein gelebt hatte, doch noch zu allgemein. Es musste ein Ereigniss eintreten, welches die Geister von dem Banne der Niedergedrücktheit gleichsam mit einem Male lösste, es bedurfte einer kühnen That, welche die Geister weckte und dem zurückgehal- tenen Muthe, der stillen Hoffnung eine Aussicht eröffnete. Und dies Ereigniss war der Ausgang des

russischen Feldzugs, diese That war die des Generals York. Preussen hatte zur grossen Armee Napoleons

20,000 Mann stossen lassen müssen, welche einen Theil des unter Marschall Macdonald gegen Riga operirenden Korps bildeten und als die französische Ilauptmacht gegen Moskau vorwärts marschirte, am weitesten zürückblieben, also auch von dem nachherigen Rückzuge jener am spätesten mit ergriffen wurden. Da wagte der Anführer der Preussen, General York, eine kühne That, indem er eigenmächtig mit dem verfolgenden Feinde in Unterhandluugen trat und jene weltgeschichliche Konvention von Tau- roggen schloss, wodurch das preussische Heer sich zwar noch nicht vollständig den Russen anschloss, aber doch unter Vorbehalt der späteren Entscheidung des Königs von den Franzosen sich trennte. Die Kunde von dieser That elektrisirte gleichsam ganz Preussen und der Gedanke erwachte: jetzt oder nie sei der Moment der Befreiung gekommen. Was York begonnen, führte der hochherzige Stein weiter, der nach Russland geflüchtet jetzt mit dem russischen Heer den deutschen Boden wieder betreten hatte; ihm zur Seite stand der ihm geistesverwandte Präsident von Schön. Die Stände der Provinz Preussen wurden nach Königsberg einberufen und am 5. Februar 1813 die Aufstellung einer Landwehr Seitens der Provinz unter allgemeiner Begeisterung beschlossen. Damit war der grosse Gedanke Stein's, einen Volkskrieg zu entzünden, seiner Ausführung näher gebracht. Nun gab es kein Halten mehr, vor der Wucht der Thatsachen mussten alle Bedenken des Königs schwinden. Am 17. März ward zu Breslau, wo sich damals der König aufhielt, die Ordre zur Errichtung der Landwehr auch in den übrigen Provinzen Preussens ausgegeben, nachdem schon vorher das Aufgebot der Freiwilligen ergangen war. Und welche gewaltige Wirkung hatten des Königs Aufrufe an sein Volk, an sein Heer. Wie ein Mann erhob sich das ganze Volk, der deutsche Nationalgeist erwachte. Der Kampf gegen den alten National- feind, der der deutschen Volkskraft so tiefe Wunden geschlagen hatte, erweckte eine Hingebung, eine

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