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Braunschweig sich anschloss, der seinen kühnen Zug durch Sachsen und Westphalen umgeben von Schaaren von Feinden bis zum Meeresstrande durchführte und bis auf bessere Zeiten mit den Seinen sich auf englische Schiffe und auf englischen Boden rettete. Und wie dürften wir der heldenmüthigen Tyroler vergessen, eines Hofer, Speckbacher, Haspinger und ihrer tapferen Landsleute, die sich gegen die von den Franzosen ihnen aufgedrungene bairische Herrschaft erhoben und nur nach dem helden- müthigsten Widerstande niedergeworfen wurden? Ja, vergessen wir auch dieser treuen Todten nicht!
Aber nicht blos mit den Waffen kämpfte man gegen den Feind, sondern auch in Rede und Schrift sprachen sich echt deutsche Männer gegen ihn aus. Ernst Moritz Arndt, damals Professor der Ge- schichte in Greifswald, liess 1806 sein Buch„Geist der Zeit“ erscheinen, in welchem er in feurigen Worten für Deutschlands Volksthum sprach; nach der Schlacht bei Jena musste er deshalb nach Schweden fliehen. Während die französische Trommel durch die Strassen Berlins wirbelte und die Spione der Fremden allenthalben lauerten, hielt dort der Philosoph Johann Gottlieb Fichte im Winter 1807— 8 seine herrlichen Reden an die deutsche Nation, in denen er mit männlichem Freimuthe über Deutschlands Erniedrigung sprach, die dennoch das deutsche Grundwesen, wie es sich in Sitte, Sprache und Wissenschaft von jeher kundgegeben, noch nicht habe zerstören können, in denen er ferner seinen Plan einer Nationalerziehung zur Heranbildung eines kräftigeren Geschlechts darlegte und vor Allem zur Entäusserung von aller Selbstsucht und zur Selbstthätigkeit ermahnte; wen diese Gegenwart, sagte er, nicht aufrege, der habe sicher alles Gefühl verloren, er wolle den Beweis führen, dass kein Mensch, kein Gott und keins von allen im Gebiete der Möglichkeit liegenden Ereignissen uns helfen könne, wenn wir selber uns nicht helfen.
Und im Jahre 1809 ertönte der Ruf Arndt's:
Zu den Waffen, zu den Waffen!
Als Männer hat uns Gott erschaffen. Auf, Männer, auf und schlaget drein! Lasst Hörner und Trompeten klingen, Lasst Sturm von allen Thürmen dringen, Die Freiheit soll die Losung sein!
Denn die dumpfe Betäubung von 1806 und der nächsten Zeit war gewichen, das Gefühl der Schmach war wach geworden und hatte den Zorn geweckt und die Erbitterung und den Muth der Verzweiflung. Da sang derselbe Arndt:
Brauset Winde! Schäume, Meer! Ilier im Herzen schäumt es mehr. Schlage, Unglückswetter, ein! Muth will trotzig oben sein.
Froh für’s deutsche Vaterland Fasst das Eisen seine Hand.
Für das Laster, feig und feil, Wird sein Wort zum Donnerkeil. Seine Rüstung heisset Gott, Darum ist die Welt ihm Spott.
Die Hoffnung der Rettung beruhte vorzüglich auf Preussen. Seine wichtigste Aufgabe war es, wenn es sich selbst retten, wenn es die Iloffnung jedes Vaterlandsfreundes erfüllen wollte, frisches, verjüngtes Leben in den Organismus des Staates zu bringen. Das Alte war in Folge einer einzigen Niederlage mit unerwarteter Schnelle zusammengestürzt, die überkommenen Formen des Staates Friedrichs des Grossen waren mit einem Schlage zertrümmert, der kriegerische Ruhm dahingeschwunden. Aber „unerhört wie sein Fall, war seine Erhebung.“ Und in der Stille wurde diese Erhebung vorbereitet.


