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geworden zu sein. Aber es schien nur so. Wo menschliche Kraft nicht mehr ausreichte, da trat eine höhere Macht ein. Der Zwiespalt Russlands mit Frankreich wurde zur offenen Feindschaft, der Krieg brach aus. Eine halbe Million Streiter, Franzosen, Spanier, Italiener, Schweizer, Holländer, Deutsche aller Stämme, Rheinbundstruppen, Preussen, Oestreicher„die grosse Armee,“ ein trefflich ausgerü- stetes Heer, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte, wird gegen die russische Grenze in Bewegung gesetzt. Schon war das heiss ersehnte Ziel, die alte Hauptstadt der russischen Czaren, erreicht, nach unendlichen Anstrengungen hoffte man da gute Winterquartiere zu finden. Aber bald wälzt sich ein ungeheures Flammenmeer über die Stadt, das zum Rückzuge zwingt, ungewöhnlich früh und unge- wöhnlich hart tritt der russische Winter ein, Hunger, Kälte, Verwirrung, vernichten das stolze Heer, welches die Furcht Europa's gewesen. Gottes Finger hatte den Gewaltigen gedemüthigt und ihm ge- boten: Bis hieher und nicht weiter! Ein furchthares Strafgericht Gottes war über den Mann ergangen, der aller Gewalt trotzen zu dürfen schien.
Es ist eigenthümlich, was das Volk von den zurückkehrenden Resten der Franzosen sagte: die Kälte in ihren Leibern sei nicht fortzubringen, ihr Heisshunger nicht zu stillen. Bis nach der Schlacht bei Leipzig lebte im Volke der Glaube, dass sie vom Himmel mit ewigem Hunger gestraft seien. Die Buben aber sangen auf der Strasse:„Ritter ohne Schwert, Reiter ohne Pferd, Flüchtling ohne Schuh, nirgend Rast und Ruh. So hat sie Gott geschlagen mit Mann und Ross und Wagen.“ Es hatte sich nämlich seit dem Kriege im Jahre 1809, namentlich seit dem Kampfe in Tyrol eine Litteratur der Volkspoesie entwickelt, in welcher leidenschaftlicher Franzosenhass und höchste Erbitterung über den Zustand des geknechteten Vaterlandes sich aussprach.
Unterdessen bereitete sich Grosses vor für die nächste Zukunft. Doch ehe wir dieses berück- sichtigen, ist es Pflicht einen Blick darauf zu werfen, wie es sich auch schon früher, ehe der grosse Freiheitskampf ausbrach, hie und da in Deutschland gegen das Joch der Fremden geregt hatte. Denu die Feier, die wir begehen, mahnt uns an die Worte, die einst Theodor Körner in seinem Gedichte „Aufrufee dem deutschen Volke zurief, und die auch am Eingange zum Vorhofe an Körner's Grab bei Wöbbelin stehen:„Vergiss die treuen Todten nicht!“ Schon früher hatte man nicht überall dem Sieger die Hände gebunden hingereicht. Als nach der Schlacht bei Jena viele der wichtigsten Festungen Preussens durch Feigheit oder Verrath dem Feinde übergeben wurden, geschah dies auch so mit Hameln. Was dabei vorging, erzählt uns ein Mann, der, Franzose von Geburt, einer der besten Deutschen, einer unserer edelsten deutschen Dichter geworden ist, Adalbert von Chamisso. Als der unfähige, entmuthigte Kommandant seine Truppen verrieth, versammelte Chamisso, einer der Officiere, seine Kameraden und forderte sie auf zu gemeinsamem Widerstande. Als trotz ihres Widerstandes die Festung den Franzosen überliefert wurde, schossen die preussischen Soldaten dem feigen Komman- danten die Patronen in die Fenster, sie schossen auf einander, sie zerschellten ihre Gewehre an den Steinen, damit sie nicht von fremder Hand geführt würden, ja zwei Brüder setzten sich wechselseitig das Gewehr auf die Brust, drückten zugleich ab und fielen einander in die Arme, um die Schmach ihrer Waffen nicht zu überleben.— Gneisenau und die muthvollen Bürger, unter ihnen der greise Nettelbeck, vertheidigten ruhmvoll Colberg, und als Courbière, Befehlshaber der Feste Graudenz, von den Franzosen aufgefordert wurde, sich zu ergeben, da es keinen König von Preussen mehr gebe, antwortete er: nun so sei er König von Graudenz.— Als im Jahre 1809 Oestreichs Kriegserklärung an Frankreich erging und alle Deutsche zur Theilnahme am Kampfe aufgefordert wurden, brachen im neugeschaffenen Königreiche Westphalen Bewegungen aus, an deren Spitze der edle Freiherr von Dörrenberg stand, den Arndt so schön in einem Liede besungen hat; eben so trat in Norddeutschland der preussische Major Schill mit einer Schaar kühner Männer gegen die Unterdrücker auf. Ihr wisst, liebe Schüler, dass er mit vielen der Seinen in Stralsund den Heldentod fand, während Dörrenberg, nachdem sein Unternehmen misslungen, sich nach Böhmen flüchtete und dem Herzog Wilhelm von


