zu dem materiellen und geistigen Gewinne, den wir uns errungen, auch ein politisches Gewicht geltend machen. Und dies ist nicht etwa ein Traum dichterischer, phantasiereicher Köpfe oder gar eine Schwärmerei unerfahrener Jugend, nein, der besonnene, ernste Mann, die Gesammtheit aller gebildeten Deutschen, die das Verständniss ihrer Zeit haben, jeder Vaterlandsfreund, der es fühlt und weiss, welche Macht und Kraft in dem deutschen Volke liegt, hat diese Sehnsucht. Und weil dieses Bewusstsein lebendiger, allgemeiner geworden, darum ist in diesem Jahre die Feier des 18. Oktober eine andere, eine bedeutungsvollere. Und in diese deutsche Allgemeinheit tritt heute unser Gymnasium in dieser Vorfeier des Tages aller Deutschen mit ein, ein kleines, unbedeutendes Theilchen in das grosse Ganze. Aber aueh wir gehören dazu und Ihr könnt Euch glücklich schätzen, dass Ihr, liebe Schüler, diesen Tag mit feiern könnt, dass Ihr in dieser Zeit lebt, in dieser ringenden, uneinigen, und doch des Gefühls der Zusammengehörigkeit sich nicht zu entschlagen vermögenden Gegenwart, auf die eine grosse Zukunft folgen muss, wenn unser nationales Leben nicht erschlaffen, wenn der deutsche Geist von der Vor- sehung in der Reihe der kulturgeschichtlichen Völker uns nicht umsonst eingehaucht sein soll.
Doch nicht von der Zukunft will ich zu Euch sprechen, sondern von der Vergangenheit, warum dieser Tag für uns Deutsche von so grosser Bedeutung sein müsse. Ihr seid im Vérlaufe dieser Woche von Euren Lehrern in den für Geschichte bestimmten Stunden darüber schon belehrt worden; darum kann ich mich auf eine übersichtliche Darstellung beschränken.
Die Erinnerungen aber, die dieser Tag in uns hervor ruft, sind nicht blos erfreulich und erhebend. Ehe die Völkerschlacht bei Leipzig Deutschlands Befreiung vom französischen Joche entschied, waren schwere Zeiten über unser Vaterland hereingebrochen.
In der Drei-Kaiserschlacht bei Austerlitz war Oestreich besiegt worden, der darauf folgende Friede zu Pressburg entriss ihm Theile seines Gebietes mit denen der fremde Machthaber andere deutsche Fürsten beschenkte und in sein Interesse zog. Nicht lange darauf schlossen Fürsten des südlichen und westlichen Deutschlands den Rheinbund, dessen Protektor der französische Kaiser war. Am 6. August 1806 löste sich das ehemals so glänzende, nun aber schon seit langer Zeit morsch gewordene deutsche Kaiserreich auf. Und Deutschland musste dulden und schweigen. In dieser Zeit erschien die Flugschrift „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung,“ deren Opfer ein schlichter, deutscher Mann wurde. Bald brach auch über Preussen das Unheil herein, der Tilsiter Friede beraubte es der Hälfte seiner Länder. Wie schon früher das Grossherzogthum Berg für einen Fremden geschaffen worden war, so trat jetzt das Königreich Westphalen in's Leben. Der Rheinbund vergrösserte sich, eiserner Druck lastete auf den Bundesfürsten des gewaltigen Mannes. Französische Verwaltungsformen wurden in deutschen Ländern eingeführt, französische Besatzungen lagen in deutschen Festungen, schwere Kon- tributionen erschöpften die Bewohner namentlich Preussens. Das Machtgebot Napoleons verschloss nach und nach die Häfen des europäischen Festlandes dem englischen Handel, der kaiserliche Adler Frankreichs herrschte auf dem ganzen Kontinente. Nur England konnte noch nicht gebeugt werden, und in Spanien regte sich bereits der Volksgeist wider den Eroberer, schon entbrannte dort der furchtbare Guerillaskrieg. Und wieder unternahm Oestreich den Kampf, eine kurze Siegesfrende ver- schaffte ihm der tapfere Erzherzog Karl durch die Schlacht beiAspern und Essling nahe dem March- felde, wo einst Ottokar von Böhmen den Waffen Rudolfs von Habsburg erlegen war, aber noch war die Zeit nicht erfüllt; Wagram machte allen Hoffnungen ein Ende und abermals musste Oestreich zu Wien einen bitteren Frieden schliessen und abermals grosse Länderstrecken dem Sieger preisgeben. So hatte Napoleon die höchste Stufe erreicht, seine Herrschaft schien unerschütterlich, die deutschen Länder waren entweder im Bunde mit ihm oder besiegt und niedergeworfen. Uneinigkeit und Zer- rissenheit herrschte unter den deutschen Stämmen, schon hatten Deutsche gegen Deutsche gekämpft. Was Napoleon gewollt, den deutschen Geist gänzlich zu vertilgen, schien erreicht; was er gesagt, dass es kein Deutschland mehr gebe, sondern nur Baiern, Würtemberg u. s. w., das schien in der That so


