Rede zur Vorfeier des 18. Oktober 1863.)
D. 18. Oktober ist ein bedeutungsvoller Tag für uns im Besonderen und Kleinen, für uns Lehrer, für Euch, liebe Schüler, als Stiftungstag unseres Gymnasium. Daher feierten wir ihn vor nunmehr 19 Jahren als den Gedenktag des 300 jährigen Bestehens unserer Schule. Aber dieser 18. Oktober hat für uns als Deutsche eine ungleich höhere Bedeutung; es ist ein weltgeschichtlicher Tag, der eingezeichnet bleiben wird in die Bücher der Geschichte, so lange der menschliche Geist begreift, was es heisse die Bande der Knechtschaft zu brechen, so lange das Menschenherz des Gefühls fähig sein wird für männlichen Muth, für Aufopferung und Hingebung, wo es gilt Vaterland und Volksthüm- lichkeit zu retten uud zu erhalten. Es ist dieser 18. Oktober der Tag aller Deutschen. Und wenn in den vorhergehenden Jahren dieser Tag eine festlichgehobene Stimmung oder selbst laute Freude als leisen Nachhall des ehemaligen Siegesjubels frei gewordener Deutscher hervorrief, wenn auf den Bergen Freudenfeuer brannten oder ein freilich unendlich kleines Bild des Tobens der Schlacht dargestellt wurde, diesmal ist es etwas ganz Anderes. Diesmal wird der Tag gefeiert, so weit die deutsche Zunge klingt, Millionen Deutsche vereinen sich diesmal zur hehren Feier. Der eine Laut„theures, herrliches deutsches Vaterland!“ tönt durch die deutschen Gaue, das Gefühl der Zusammengehörigkeit durchzuckt die getrennten Bruderstämme, eine Erinnerung schlingt das versöhnende Band um die grösseren oder kleineren Länder, denen Deutsche angehören. Und in der Stadt, in deren Umgebung die furchtbar grossartige, Tausenden Tod, aber auch Millionen Rettung bringende Völkerschlacht geschlagen wurde, bereitet sich eine Feier, wie die deutsche Geschichte noch keine aufzuweisen hat. Die Vertreter deutscher Städte, deutscher Gemeinden strömen dahin zur gemeinsamen Feier dieses 18. Oktober. Und was ist es, das die Feier dieses Jahres so bedeutungsvoll macht? Ist es blos der Umstand, dass ein halbes Jahrhundert seit jenem Tage vorüber gegangen ist und menschliche Gewohnheit und Sitte einer solchen Reihe von Jahren besonderes Gewicht beilegt? Mag dies dem Einzelnen in persönlichen Verhältnissen zugestanden werden, mag auch ein solcher Zeitabschnitt für hervortretende geschichtliche Ereignisse den Menschen wichtig erscheinen; hier aber ist es nicht blos dies, es ist mehr, es ist etwas Grösseres. Das deutsche Volk ist sich seiner bewusster geworden, ein Drang, ein Streben geht durch die deutschen Länder, wir Deutsche fühlen lebendiger als je, was wir werth sind, was wir sein können, wir wollen nicht länger blos ein auf den Gebieten des Geistes, der Wissenschaft, der Kunst, des Handels und Gewerbes strebendes, förderndes, schaffendes Volk heissen, wir wollen auch unsere materiellen und gei- stigen Kräfte verwerthet und verwendet wissen auf dem Schauplatze der übrigen Völker Eropa's, wir wollen
*) Der Verfasser bemerkt, dass er bei Ausarbeitung dieser Rede das vortreflliche Buch Gustav Freytag's „Neue Bilder aus dem Leben des deutschen Volkes“ vielfach, bisweilen selbst wörtlich, gegen den Schluss hin Wuttk G˙s
gleichfalls ausgezeichnele Schrift,„die Völkerschlacht bei Leipzig“ benutzt hat.
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