Jahrgang 
1862
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auch meiſtens alles Fett verſchwunden. Man kann alſo als wahrſcheinlich annehmen, daß dieſer Verluſt nicht allein durch die Lungen, ſondern auch durch die Haut geſchieht. Faſſen wir das Geſagte zuſammen, ſo ſehen wir, wie während des Winterſchlafes alle Lebensverrichtungen vermindert ſind, manche ganz ſtill ſtehen und daß gerade demzufolge das Leben in die Länge gezogen werden kann, ohne daß der Körper die gewöhnliche Zufuhr von Speiſe und Trank erhält. Ein ſolcher Zuſtand iſt wie Harting in ſeinen Skizzen aus der Natur treffend bemerkt nur eine Verzögerung des Lebens, dem Zuſtand eines Feuerheerdes zu vergleichen, auf dem Kohlen liegen, um unter einer großen Quantität Aſche zu glimmen, durch welche der Zutritt der atmoſphäri⸗ ſchen Luft verhindert wird. Alle Bedingungen zum Leben bleiben bei den Winterſchläfern beſtehen und ſobald ſie aus dem Schlaf erwachen, ſtellt ſich auch das Athemholen wieder ein und zu gleicher Zeit macht ſich das Bedürfniß nach Speiſe fühlbar, ebenſo wie man auf den Feuerheerd Brennſtoff werfen muß, wenn die Aſche weggeräumt und der Luft Zugang verſchafft iſt, zu den früher glimmenden, nun aber alsbald verglimmen⸗ den Kohlen.

Wenn es ſich nun darum handelt, die Urſachen und Beſtimmungen des Winterſchlafes anzugeben, ſo ſtehen wir vor einem der vielen Räthſel, welche die Natur den Menſchen vorlegt; die wiſſenſchaftliche Erkennt⸗ niß iſt in dieſer Beziehung noch arm. Gewiß hat jede Familie von organiſchen Weſen eine beſtimmte und noth⸗ wendige Stellung in dem geheimnißvollen Syſtem der Natur einzunehmen. So viel hat ſich durch Verglei⸗ chung der Organiſation der winterſchlafenden Säugethiere mit der der anderen Thiere in dieſer Klaſſe heraus⸗ geſtellt, daß das Lungenleben der erſteren ſich dem der Amphibien nähert. Hierin liegt zugleich die wichtigſte und weſentlichſte in der Organiſation nachweisbare Bedingung für die große Trägheit, durch welche überhaupt die Winterſchläfer ſich auszeichnen. Der größte Gegenſatz zeigt ſich, wenn wir die Organe der Vögel be⸗ trachten, bei denen die Entwickelung der Reſpirationsorgane den höchſten Grad erreicht. Die Lerche erhebt ſich laut ſingend in die Luft

Der ſcheidenden Sonne nach,

Ueber der ſtillen Schöpfung,

Angeglüht

Vom letzten Strahl,

Die Seel' in Lied verhauchend,

Verſchwebend,

Verſchwirrend,

Im Aetherduft. In ihrem Körper ſind, einen großen Theil der Bruſt⸗ und Bauchhöhle einnehmend, Luftbehälter vertheilt, von denen die meiſten mit den Lungen, andere auch mit dem Rachen in Verbindung ſtehen und vom Vogel will kührlich mit Luft gefüllt, oder davon geleert werden können, eine Bildung, die ſich in den Luftkanälen der Inſecten wieder findet. Die von den Lungen eingeathmete Luft tritt daher durch mehrere Oeffnungen aus der Lunge heraus in dünnhäutige Luftſäcke oder Luftbehälter und verbreitet ſich ſo in der ganzen Rumpfhöhle, tritt ſelbſt in die markleeren Knochen, ſo daß die Luft überall mit den feineren Verzweigungen der Gefäße in Berührung kommt und auf dieſe Weiſe eine doppelte Reſpiration herſtellt. Als innere Bedingung des Win⸗ terſchlafes wird auch die Fettbildung angeſehen, denn Fett macht träge und erhöht ſomit die angeborene Träg⸗ heit der Winterſchläfer noch; die Fettbildung iſt aber wohl vielmehr ein Mittel für die Thiere, während des Winterſchlafes beſtehen zu können. Als äußere Urſache des Winterſchlafes mag der Mangel an Nahrung gelten, eine weſentliche äußere Urſache mag in den Extremen der Temperatur liegen, zumal die Erfahrung in der Pflanzen⸗ und Thierwelt uns lehrt, daß ein warmer Spätherbſt den Eintritt des Winterſchlafes ver⸗ zögert und ein frühzeitiger Frühling denſelben abkürzt. Aber die Hauptbeſtimmung des Winterſchlafes ſcheint die Verhütung eines übereilten Lebens zu ſein und ſie wird erreicht, wie oben angedeutet durch Verlangſamung oder Stillleben einzelner, mehrerer oder aller Functionen.

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