b Jahresbericht.
Geſchichtliches.
Auch in dem am 31. März 1856 begonnenen Schuljahre hat das Gymnaſium das Glück gehabt, ohne irgend eine ſtörende Unterbrechung ſeine Aufgabe löſen zu können. Seit einer ziemlichen Reihe von Jahren ſind der großen Mehrzahl nach die Lehrer dieſelben geblieben und ſo iſt unſerer Bildungsanſtalt der Seegen einer ſtetigen und gleichmäßigen Entwickelung nicht entgangen. Daß dabei das Lehrer⸗Kollegium ſeinen Blick für das, was das ſittliche und wiſſenſchaftliche Gedeihen der ihm anvertrauten Jugend verlangt, offen erhält, daß es dasjenige, was die in unſerer Zeit ſo gehobene Regſamkeit auf dem pädagogiſch⸗wiſſenſchaftlichen Ge⸗ biete der Litteratur wirkt und ſchafft, nicht unbemerkt und unbeachtet an ſich vorüber gehen läßt, daß es an dem durch lange Erfahrung Erprobten neueren Theorien gegenüber feſthält, ohne jedoch dem, was in Bezug auf Stoff und Methode, Wiſſenſchaft und Erfahrung in der Gegenwart Beſſeres feſtſtellt, den Zugang zu verſchlie⸗ ßen, verſteht ſich bei gewiſſenhafter und treuer Pflichterfüllung von ſelbſt. 1
An dem ſeit einigen Jahren feſtgeſtellten und erprobten Lehrplane iſt in dem verfloſſenen Schuljahre nichts Weſentliches geändert worden. Nur Eins iſt zu bemerken. Allenthalben beklagt man in den Gymnaſien das Verſchwinden grammatiſcher Feſtigkeit und Gründlichkeit im Lateiniſchen. Dieſe Erſcheinung hat ihre allgemei⸗ nen, theilweiſe auch lokalen Gründe. Die Direktion hat dieſen Gegenſtand öfters in den Lehrer⸗Konferenzen zur Sprache gebracht. Eine Hauptſache iſt, daß die Schüler frühzeitig lernen in rechter Weiſe zu arbeiten, daß ſie bei ihrer Präparation und bei Ausarbeitung ihrer ſchriftlichen Aufgaben ſich nicht zerſtreuen, ſondern, wie man ſagt, die Gedanken beiſammen haben. Die Aeltern ſind ſehr oft ſelbſt bei dem beſten Willen nicht im Stande die Arbeiten ihrer Kinder zu beaufſichtigen, andere, die es könnten, thun es nicht immer. Es wäre ein großer Seegen für eine öffentliche Schule, wenn für die unteren und mittleren Klaſſen außer den Lektionen Arbeitsſtunden eingerichtet werden könnten. Es hat dies freilich, namentlich im Winter, wo es am nöthigſten wäre, ſeine große Schwierigkeit. Um wenigſtens einigen Erſatz dafür zu haben, hat das hieſige Gymnaſium ſeit 12 Jahren Studien⸗ und Arbeitstage für die Winterhalbjahre eingeführt(ſ. Programm v. 1846 Seite 19), bei Errichtung der Vorbereitungsklaſſe vor zwei Jahren war es möglich, wenigſtens einige Arbeitsſtunden für die Knaben anzuſetzen, die außerdem auch noch die in den übrigen Gymnaſialklaſſen üblichen Arbeitstage mit haben. Für Quinta und Quarta wurde nun die Einrichtung hinzugefügt, daß die Schüler zwar ihre regelmä⸗ ßigen lateiniſchen zu Hauſe auszuarbeitenden Exercitien beibehalten, daneben aber jede Woche in zwei aufeinan⸗ der folgenden Stunden unter Aufſicht und immerwährender Einwirkung des Klaſſenlehrers eine Ueberſetzung aus dem Deutſchen in das Lateiniſche fertigen. Um ferner bei den Schülern eine größere Wörterkenntniß der frem⸗ den Sprachen, die im Gymnaſium gelehrt werden, zu ermöglichen, vereinigten ſich die Lehrer, die ſich von der Zweckmäßigkeit ſelbſtändiger, neben der Grammatik und Lektüre hergehender Vokabularien nicht überzeugen kön⸗ nen, dahin, daß die Schüler bis Tertia regelmäßig über die in der griechiſchen und lateiniſchen Lektüre vorkom⸗ menden Wörter abgehört und daß auch im Franzöſiſchen ſolche Uebungen vorgenommen würden. Dadurch hofft man wenigſtens in dieſem Fache die im Unterrichte ſo weſentliche Einheit, die in der Pädagogik nicht hoch ge⸗ nug angeſchlagen werden kann und die durch jene jetzt ſo überhand nehmenden beſonderen Vokabularien gewiß geſtört wird, aufrecht zu erhalten. Für die unteren und mittleren Klaſſen der Gymnaſien iſt es eine Haupt⸗ aufgabe, Grammatik, Exercitien und Lektüre im Lateiniſchen immer zu einander in Beziehung zu bringen; je beſſer dies der Lehrer verſteht, deſto erfolgreicher iſt ſeine Wirkſamkeit, deſto mehr zeigt er ſich als Schulmann.
Uebrigens wiederholten ſich in unſerem Schulleben die üblichen regelmäßigen Schulfeierlichkeiten. So fand die Beicht- und Abendmahlsfeier am 28. und 29. Mai, ſowie am 29. und 30. Oktober Statt, wobei die Herren Profeſſoren Dr. Weißenborn und Dr. Rein im Gymnaſium die Vorbereitungsrede hielten.
Am 24. Juni kehrte das Geburtsfeſt unſeres gnädigſten Landesherrn, Sr. Königlichen Hoheit, des Groß⸗ herzogs Karl Alexander zurück. Den Empfindungen ehrfurchtsvoller Treue und dankbarſter Anhänglichkeit gab


