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der Tonſetzkunſt. Solch ſchulgerechtes Verfahren iſt aber weder unzeitig, noch weniger zweckwidrig, am allerwenigſten aber erſcheint es nur als Täuſchung— was wir hier nicht weiter darzuthun brauchen, da es oben im Allgemeinen ſchon geſchehen iſt, aber nicht aus Eitelkeit eruditionis et decori gratia, ſondern um der Wahrheit willen.
Was es hilft, wenn man die harte Tonleiter*) ſich aus der Natur entwickeln ſteht, iſt aus dem Früheren leicht zu erſehen; aber was bloſe Kunſt ſchadet, das können wir aus W's.„Beſchreibung unſeres Tonſyſtems“**) recht augenſcheinlich abſehen. Es iſt wahrhaftig keine wiſſenſchaftlich gründ⸗ liche Darſtellungsweiſe, die auf Allgemeingültigkeit Anſpruch machen kann, wenn man die nothwendige Reihenfolge der Töne auf Anordnung der Taſten unſerer gebräuchlichen Klaviatur ſtützen will. Was würde man dann zu thun haben, wenn man ein Klavier mit einer anderen Anordnung der Taſten, ohne höher gelegte kurze Taſten für die halben Töne, wie ſie z. B. unſer genialer Landsmann Wer⸗ neburg einſt aufſtellte, vorgelegt bekäme?— Der Unterſchied zwiſchen Cis und Des, Fis und Ges ꝛc., von welchen der hier jedesmal voranſtehende Ton nicht ganz ſo hoch als der andere iſt, (was W. ſelbſt zugiebt***), aber aus welchem zureichenden Grunde?) läßt ſich daraus ganz und gar nicht rechtfertigen. Nach unſern oben aufgeſtellten Tafeln iſt das leicht möglich, wenn man der Akuſtik ihr gebührendes Recht läßt. An gleicher Ungründlichkeit leidet ſeine Darſtellung der Zählnamen der Intervalle*s), geſtützt auf die Symbolik unſeres Notenſyſtems, wenn gleich der Name Contrapunkt ſeinen Urſprung daher hat. ⸗s⸗⸗*) Denn wer bürgt dafür, daß nicht irgend ein anderes Notenſyſtem erfunden werden kann, was noch beſſer iſt als das unſrige? Damit fällt die Bedeutung der Bemer⸗ kung von ſelbſt weg, welche rückſichtlich der Vielheit der verſchiedenen Grade von Entfernung eines Tones zum anderen, die an ſich und nach der Beſchaffenheit unſeres Notenſyſtems denkbar ſeien, gemacht wird. †)
Das bisher Geſagte wird hinreichen, einem wiſſenſchaftlich geſinnten Lehrer der Tonſetzkunſt in unſerer Zeit klar zu machen: wie zweckmäßig es iſt, die mathematiſche Tonlehre der Theorie der Tonſetzkunſt oder dem ſogenannten Generalbaß zur Grundlage zu geben, †r) wie es in der guten alten Zeit geſchah. †lr) Ohne verſtändiges Meſſen der Töne und ihrer gegenſeitigen Verhältniſſe in Zahlen würde nicht die geringſte Art von Tonkunſt haben ver⸗ wirklicht werden können. †rr) Auch die Geſchichte der Entwicklung der Tonkunſt beweiſt uns daſſelbe von den älteſten Zeiten her. Schon die Indier maßen die Tonverhältniſſe zuerſt in Röhren mittelſt ſehr harter und gleichmäßiger Fruchtkörner, einer Art Hirſe ab. Die Hindoſtaner, vorzüglich aber die Griechen(Pythagoras und ſeine Schüler) ſetzten dieſe Berechnungen mit Hülfe des dazu erfun⸗ denen Monochord fort. Die Männer der neueren Zeit und ihre Verdienſte um die Tonkunſt haben wir oben ſchon angeführt.
Aber anſtatt verdienſtvollen Männern der Wiſſenſchaft mit dankbarer Geſinnung zu folgen und
*) Auf die weiche Tonleiter wollen wir am Schluſſe zurückkommen. *n)§. XII. u. f. a. a. O.
§. XIX. u.§. XXXVIII. a. a. O.
)§S. XXXIII. a. a. O.
mm) Ate Lief.§. 559 a. a. O. †)§. XLVI. a. a. O. ††) Gehler's Wörterb. VIII. Bd. S. 336. rrt) G. W. Fink's Erſte Wanderung der älteſten Tonkunſt, u. A. Kre tzchmer's Ideen zu einer Theorie der Muſik. trn) G. W. Fink's Syſtem der muſikal. Harmonielehre.


