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Nun wird einleuchten, wie irrig die Anſicht Gfr. W's. iſt, wenn er die harmoniſche Akuſtik und vorzugsweiſe die mathematiſche Intervallenlehre nicht einmal als Theil, viel weniger als Grundlage der Tonſetzlehre gelten laſſen will, da ſie doch ſchon dem praktiſchen Muſiker wichtige Dienſte leiſtet, geſchweige denn dem wiſſenſchaftlichen Tonſetzkünſtler, dem ſie die weſentlichſten Aufſchlüſſe über Ent⸗ ſtehung und Abhängigkeit der Töne von einander giebt, die er ſonſt nicht auf ihren letzten Grund zurückzuführen im Stande ſein wird. Weil aber die Gegengründe, womit ſich W. zu rechtfertigen ſucht, ſo ganz und gar in ſeiner abſprechend hohnvollen Weiſe ausgefallen ſind,— wir wollen ſpäter zeigen, wie er dafür büßen muß,— gehen wir eine ganz ſpezielle Widerlegung derſelben ein, einmal um der bloſen Wahrheit willen die übermüthige Großſprecherei unſchädlich zu machen und ganz vor⸗ züglich deshalb, damit mancher junge Muſiker, der die Abſicht hat, gründlich und wiſſenſchaftlich mit der Theorie der Tonſetzkunſt bekannt zu werden, wenn er W's. ſonſt ganz vortreffliche Darſtellung lieſ't, gerade durch dieſe Vortrefflichkeit ſich nicht länger täuſchen und davon abhalten läßt, die aku⸗ ſtiſchen Intervalle als die wahre wiſſenſchaftliche Grundlage unſerer ſchönen Kunſt der Töne vorher tüchtig zu ſtudiren, um dann mit Licht und Wärme zur Tonſetzkunſt ſelbſt ſich zu wenden.
Wenn W. anführt: Daß die meiſten Tonſetzlehrer die Theorie der Tonſetzkunſt auf die harmo⸗ niſche Akuſtik zu gründen und deshalb ihre Lehrbücher mit arithmetiſchen und algebraiſchen Exempeln anfangen zu müſſen meinten, das dünke ihm nichts Anderes als leere Schwindelei und unzeitige Ge⸗ lehrſamkeit, d. h. Pedanterei; man könne ein Mozart und Haydn, Bach und Paleſtrina ſein, ohne zu wiſſen, daß ſich ein Ton zu ſeiner Quinte wie 2 zu 3 verhält. Wir entgegnen darauf: Das kommt uns verhältnißmäßig eben ſo vor, als ob der Lehrer einer jungen Schülerin, welche wiſſen⸗ ſchaftlichen Unterricht in der Phyſik bekommen ſoll, die Lehren von der Wärmeleitung gerade deshalb als unnütz vorenthalten wollte, weil ſie ohne dieſe ſpäter doch ein wohlſchmeckendes Gemüſe bereiten oder überhaupt eine ganz vortreffliche, geſchickte Köchin werden könne, ohne zu wiſſen, daß Butter ein beſſerer Wärmeleiter iſt, als hartes Waſſer; viele der beſten Köchinnen hätten es ja auch nicht gewußt. — Seiner innigſten Ueberzeugung nach iſt es ein recht unverſtändiger Mißgriff, in die Lehre der Ton⸗ ſetzkunſt ſolche Demonſtrationen durch Brüche, Potenzen, Wurzeln, Aequationen und andere Rechen⸗ erempel einzumiſchen; und von dieſen beim Vortrage der Theorie der Tonſetzkunſt auszugehen, kommt ihm gerade ſo vor, als wollte einer den Unterricht in der Malerei mit der Theorie von Licht und Farben, von graden und krummen Linien anfangen, den Muſik⸗Unterricht mit dem Studium der Harmonie und den Sprachunterricht mit der Philoſophie der Sprache, u. ſ. f. Wir ſagen ſelbſt, daß dieſe Behauptungen an ſich wahr ſind, bis auf den Fall ſür die Malerei, welche das Zeichnen ge— rader und krummer Linien als Vorſchule nicht entbehren kann; aber die Vergleiche paſſen nicht recht und deshalb iſt dieſer Grund nichts weniger als ſchlagend. Denn, ſowie es keinem verſtändigen Lehrer je einfallen wird, den erſten Unterricht in der Mathematik mit der Buchſtabenrechnnng zu beginnen und dieſe demohnerachtet ihren großen Werth behält, weil ſie uns die wichtigſten Aufſchlüſſe über die innerſten Geſetze der Größenverhältniſſe überhaupt giebt, findet ganz Aehnliches auch in Betreff der Theorien des Lichtes und der Farben für die Malerei, der Harmonie für die Muſik und der Philoſophie für die Sprache, und alſo auch der Tonintervalle für die Tonſetzkunſt ſtatt. Aber gleich wie in der Arithmetik der Anfang damit gemacht wird, daß man nach einer ganz einfachen Erklärung der Ver⸗ änderungen der reinen Zahl die Anwendung auf Rechnungsfälle des bürgerlichen Lebens vornimmt, wird man es auch in der Muſik nach einer kurzen Erklärung der reinen vorgeſungenen Cdur⸗Ton⸗ leiter mit der Anwendung derſelben auf die jetzt gebräuchlichen muſikaliſchen Inſtrumente machen müſſen. Später kömmt dann die Buchſtabenrechnung,— ſpäter die Tonintervalle als wiſſenſchaftliche Vorſchule


