Jahrgang 
1848
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menten würde der oben aufgeſtellten Theorie nach die Poſaune Gleiches leiſten, weil durch den Zug ſich die Luftſäulenlängen in ihr ebenfalls ſtetig verändern laſſen, mithin auf ihr auch vollkommen reine Töne erzeugt werden können; es iſt aber für den Künſtler ſehr ſchwer eine große Sicherheit und Fertigkeit darin zu erreichen, weil die Entfernungen der Zugſtellen zu weit aus einander liegen. Des⸗ halb thut ſie faſt eben keine größeren Dienſte als andere Blasinſtrumente mit richtig angebrachten Klappen und Ventilen, mit denen man bei Weitem in den meiſten Fällen leiterreine Töne angeben kann, z. B. As oder Gis, Es oder Dis, die doch bekanntlich verſchieden von einander ſind, je nach⸗ dem der eine oder der andere verlangt wird. Endlich ſehen wir nun auch klar ein, daß gerade Klavier und Orgel dieſe Bedingungen nicht ſo vollkommen erfüllen, und daß die Orgel in der Kirche oft wohl nur dazu dient*), den Geſang einer zahlreich verſammelten Gemeinde ſo eng zuſammen zu halten, als es bei ihrer Stimmung mit ſchwebenden Intervallen möglich iſt; einen akuſtiſch reinen Geſang wird man durch ihre Begleitung nicht immer erzielen wollen. Aber glaube man deshalb ja nicht, daß die Orgel oder das Klavier leichter zu behandeln ſei, als ein anderes, ſei es Streich⸗ oder Blasinſtrument; im Gegentheil iſt von jenen beiden eines wie das andere, ſowohl bei der Stimmung als beim Spiel ein höchſt ſchwierig zu behandelndes Inſtrument. Darum iſt namentlich der große Organiſt ein ſeltener Künſtler. Wenn er es aber verſteht, in melodiſch wechſelnden einfachen Har⸗ monien durch den majeſtätiſchen, kraftvollen Klang der Orgel die Herzen der Zuhörer zu rühren, bei dem erhabenen Gedanken an Gott die heiligſten Empfindungen zu erregen und die Gemeinde in die feierlichſte Stimmung zu verſetzen, iſt ſein Spiel nicht weniger bedeutend, als das Wort des Pre⸗ digers, der dann erſt auf die vorbereitete Gemeinde mit um ſo ſicherern Erfolg für Aufklärung des Verſtandes und zur Veredelung des Herzens für die Dauer einwirken wird.**) Gegen dieſe Regel der Einfachheit im Orgelſpiel möchte wohl noch oft verſtoßen werden, zumal in unſerer Zeit, die in der Erzeugung muſikaliſcher Zerrbilder faſt Unglaubliches leiſtet. Hier fallen mir die treffenden Worte meines großen Lehrers ein:Muſik iſt die eigentlich neue Kunſt, die in immer neuer jugendlich fri⸗ ſcher Erfindung lebt. Aber in welcher Erfindung? Künſtlichkeit iſt nicht Kunſt. Die Neueren haben den Lurus der Tonſpaltungen, den Lurus der harmoniſchen Begleitungen und der Inſtrumentirung nach und nach höher geſteigert, dadurch Leben und Reichthum der Kunſt unermeßlich vermehrt, aber doch wohl zunächſt nur in phantaſtiſchen Intereſſen der immer bunteren Unterhaltung. Darum ſehnen ſich die ernſteren Kenner nach der einfachen Hoheit der älteren Kunſt zurück und erkennen in der alten Kirchenmuſik in den erſten Meiſterwerken der einfach harmoniſchen Muſik ihre Muſterwerke an. Ich aber behaupte, daß bei wiederkehrendem Ernſt des Geſchmackes das Tongewirr unſrer Taſtenin⸗ ſtrumente, die Zerreiſſung des Tertes für den Geſang, die Geſchicklichkeit der Sängerin auf einem Vokal balancirend ihre ganze Tonleiter zu durchſchaukeln und alles Aehnliche als Spielereien einer verzärtelten Gewohnheit verworfen werden ſolle; daß die Kunſt dagegen, mit der Kraft einfacher Harmonien bereichert, zur ſyllabiſchen Compoſition des Geſanges in Pindar's Weiſe zurückkehren müſſe, um für das Erhabene, das Mächtige und das Feierliche die wahre Gewalt der Schönheit wieder zu gewinnen.***) Natur iſt die Mutter und Wiſſenſchaft die Amme, ohne welche kein Zögling der Kunſt gedeiht, am wenigſten der der Tonkunſt.+)

*) Es iſt oft herzzerſchneidend, zu hören, wie ungeſchickt dieſes Inſtrument geſpielt wird. ) Vergl. J. C. Kittel. Dex angehende praktiſche Organiſt. San) J. F. Fries. Handb. d. Religionsphilof. u. philoſ. Aeſthetik.§. 68.

+) J. C. Kittel a. a. O.