Jahrgang 
1848
Einzelbild herunterladen

6

die Natur der Klänge mehr Geltung haben als gerade in der Tonkunſt? Dann behaupten wir heute noch und aus guten Gründen, daß die Tonverbindungen nichts Anderes ſind, als combinatoriſche Operationen, deren Regeln keine andere Wiſſenſchaft aufzuſtellen im Stande iſt als gerade die Ma⸗ thematik; der muſikaliſche Künſtler mag ſeine Töne verbinden, wie er nur will, aber gegen jene Regeln darf er nicht verſtoßen, ſonſt irrt er. Zudem begeht W. noch eine große Inconſequenz; denn wenn er zugiebt, daß die verſchiedene Höhe und Tiefe der Klänge von den gleichzeitigen Schwingungsmen⸗ gen der Saiten abhängt, ſo müſſen dieſe auch in Zahlen gemeſſen werden können, und dann erſt, wenn dies geſchehen, ſind wir im Stande wiſſenſchaftlich beſtimmt über dieſelben zu urtheilen. Das und nichts Anderes kann er aber auch nur vorausgeſetzt haben, als er das Oktavintervall 1 zu 2 anerkannte. Warum ſoll dann ein Gleiches nicht auch für Quinte und Terz gelten? Etwa des⸗ halb, weil wir nach reinen Quinten ſtimmend zuletzt zu hoch, nach reinen Terzen zu tief, und in beiden Fällen mit dem Oktavverhältniß in Verwickelungen kommen?! Darauf ließe ſich wieder Fol⸗ gendes ſagen: Laſſe man nur die Sachverhältniſſe, wie ſie doch einmal in der Natur vorliegen, aber laſſe man ſie für die Wiſſenſchaft und Kunſt durch unverſtändigen Gebrauch bei der Anwendung nicht in Verwirrung gerathen, ſondern faſſe man den Faden, an welchem uns die Natur zur Kunſt hinan leiten will, vorſichtig mit der Hand der Wiſſenſchaft, und es werden keine feſtgezogenen Knoten zu löſen, geſchweige denn unauflösbare zu durchſchneiden ſein. Nämlich nach reinen Quinten oder Ter⸗ zen braucht man erſtens gar nicht fortzuſtimmen, ſondern vor allen nur nach reinen Oktaven den Grundton wiederholt zu erzeugen. Dann wären zwiſchen dieſen die jedesmaligen übrigen ſechs Töne als Quinten und Terzen ſowohl vom Grundtone als von deſſen Quinte, als auch von dem Ton, zu welchem jener Grundton die Quinte iſt, zu ſuchen; und zuletzt könnte man die übrigen Töne, welche man zwiſchen den höheren und tieferen Oktaven des wiederholten Grundtones noch haben will, als reine Oktaven zu den ſchon vorhandenen Zwiſchentönen nach einander einſtimmen. Dadurch er⸗ hielte man auf dem Inſtrument eine reine Cdur⸗Tonleiter, deren Töne nach den hier beigefügten Schwingungszahlen wiſſenſchaftlich zu erkennen ſind: CD E G A lHH e d e 1 Z a h E ISnsntch, I e 4 Dieſe Töne gewährten allen Anforderungen eines noch unverdorbenen muſikaliſchen Ohres vollſtän⸗ dige Befriedigung, wie uns eine vielſaitige Harmonika beweiſt, ſobald alle Saiten, mit ihrer gan⸗ zen Länge ſchwingend, ein und denſelben Grundton rein erklingen laſſen und es dem zwiſchen ihnen durchſtreichenden Winde ganz allein überlaſſen bleibt, die Töne der gleichen Theile dieſer Saiten nach Belieben hervorzurufen; wie auch eine vollkommen gute Mundharmonika mit Metallſtäbchen zeigt, auf welcher die geringſte Unreinheit des Akkordes unſer Gehör eben ſo empfindlich verletzt, als uns ihre rei⸗ nen Harmonien erfreuen. Wir räumen aber ſogleich ein, daß jenes in angeführter Weiſe eingeſtimmte Inſtrument für keine anderen Harmonien, als welche in der Cdur⸗Tonleiter liegen, ohne Weiteres brauchbar wäre. Soll es zugleich auch für andere Tonarten brauchbar eingerichtet werden, ſo kommt man allerdings wieder in die oben ſchon erwähnten Verwickelungen. Aber deshalb die von der Na⸗ tur gebotenen Tonintervalle zu verwerfen, hieße eben ſo viel, als deshalb das moraliſche Geſetz in uns für ungültig, wenigſtens für unbrauchbar zu erklären, weil wir bei der großen Mannigfaltigkeit der Lebensverhältniſſe mit unſeren Pflichten nicht ſelten in Colliſion gerathen, und je mehr Anfor⸗ derungen in unſeren Stellungen an uns gemacht werden, d. h. je höher unſer Beruf iſt, deſto öfter wird dies der Fall ſein, alſo auch bei den Taſteninſtrumenten. So etwas würde aber kein Lehrer der Ethik als richtig zulaſſen, auch Gfr. W. hätte es nicht gethan. Aber eben ſo wenig kann der

.