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über ſeinen Irrthum zu belehren,— denn er weilt nicht mehr unter uns Sterblichen,— ſon— dern um andere wackere Künſtler und wiſſenſchaftlich geſinnte Freunde der Muſik von der Rich⸗ tigkeit der akuſtiſchen Geſetze der Tonintervalle zu überzeugen und die Nothwendigkeit ihrer Kenntniß zur Begründung der Tonſetzkunſt zu beweiſen. Das wird ſich hier am zweckmäßigſten erreichen laſ⸗ ſen, wenn wir durch Gfr. Weber's Irrthum zur Wahrheit zu gelangen ſuchen, indem wir ſeine Be⸗ hauptungen an den Maßſtab der Akuſtik legen und zuſehen: ob ſie mit den unwandelbaren Geſetzen der Natur im Einklang ſtehen oder nicht.
I.
Nachdem ſich Gfr. Weber auf den Standpunkt der Akuſtik geſtellt und unter Anderem auch den Unterſchied der Oktaven nach der Menge der gleichzeitigen Schwingungen durch das Verhältniß 1 zu 2 in Zahlen genau abgemeſſen hat, fügt er wörtlich hinzu:„Solche und mehre andere Um⸗ ſtände, deren Erſchöpfung nicht hierher gehört, beſtimmen die Höhe des Klanges...., wie dies Chladni klaſſiſch entwickelt.“ Das Oktavverhältniß 1 zu 2 erkennt er alſo für richtig an; aber gleich darauf ſagt er weiter:„So klingt z. B. mit dem Ton einer jeden freiſchwingenden Saite un⸗ ſerer Saiteninſtrumente noch eine Menge ſogenannter Beitöne mit, nämlich einer, deſſen Schwingungen gerade noch einmal ſo ſchnell ſind als die des Haupttones,— ein anderer, welcher während einer Schwingung des Haupttones drei Schläge vollbringt,— wieder einer, der binnen gleicher Zeit vier⸗ mal ſchwingt, u. ſ. f., und mithin die Töne, welche ſich in Anſehung der Geſchwindigkeit ihrer Schwing⸗ ungen gegen einander verhalten wie 1 zu 2, wie 2 zu 3, wie 3 zu 4 u. ſ. w. Dieſe ſämmtlichen Nebenſchwingungen oder Beitöne ſind jedoch ſo leiſe, faſt ſo unhörbar, daß ſie darum durchaus keine, und daher auch keine üble Wirkung thun können.“ Das Erſte iſt ganz richtig, und wir erkennen darin einen weiſen Fingerzeig der Natur, die uns, ohne zu ſchaden, nur darauf aufmerkſam machen will, was für Töne wir in der Kunſt jedem Grund⸗ oder Hauptton zur Ergänzung des Akkordes am beſten beigeben ſollen. Aber anſtatt darauf einzugehen, mit Hülfe der Schwingungszahlen dieſer Töne die Intervalle zwiſchen Grundton, Quinte und Terz in Zahlverhältniſſen zur beſtimmten Erkenntniß zu bringen und die daraus hervorgehenden, offenbar zu großen, Zwiſchenräume durch dahinein paſ⸗ ſende Töne ebenfalls nach vorwärts⸗ und rückwärtslaufenden Quint- und Terzverhältniſſen in Zahlen einzuſchalten, wie uns dies H. W. Brandes“⸗) ſo ſinnreich und naturgemäß gelehrt hat, geht W. nur darauf ein, daß er die Unſchädlichkeit**) dieſer Beitöne wegen ihres ſchwachen Klanges nach⸗ zuweiſen ſucht, und unter anderen Irrthümern, wozu ſie Veranlaſſung gegeben haben ſollen(?), haupt⸗ ſächlich gegen die Mirtur⸗Regiſter in den Orgeln eifert, die Chladni ſchon längſt als untauglich verworfen hatte. Endlich aber kommt die Sache zum Durchbruch, indem er(§. IX.) nach gegebener Erklärung der Akuſtik ſagt:„Insbeſondere hat man die, über die Natur der Klänge erworbenen Kenntniſſe auf die Tonkunſt angewendet. Man hat die Verhältniſſe der Töne gegeneinander, nach der Geſchwindigkeit ihrer Schwingungen gemeſſen und berechnet. Auch hat man daraus das Wohlgefallen unſeres Gehörſinnes an gewiſſen Tonverbindungen zu erklären, und überhaupt das innere Weſen der Tonkunſt mathematiſch zu erforſchen geſucht; auch wohl gar die Theorie der Setzkunſt aus einem Rechenerempel abzuleiten verſucht.“ Wir entgegnen zuerſt mit der Frage: wo anders ſoll denn
*) Vorleſ. über die Naturl. von Heinr. Wilh. Brandes, I. Theil, 21. Vorleſ⸗
**) Von Schädlichkeit dieſer Töne könnte überhaupt hier nur ſo lange die Rede ſein, als wir keine vollkommneren Inſtrumente der Muſik haben. Siehe oben!


