Jahrgang 
1848
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Lehrer der Tonſetzkunſt, welche auf ihrem künſtleriſchen Standpunkt, auf jene unvollkommenen Inſtru⸗ mente fußend, ſich für viel zu hoch und ſicher geſtellt halten, als daß ſie ſich zu den tiefen Grün⸗ den der akuſtiſchen Naturgeſetze herablaſſen möchten, weil ſie nicht bedenken, daß die höchſte Stufe der Kunſt, ſowie der Bildung überhaupt, nur erſt dann erreicht iſt, wenn man dem reinen Natur⸗ zuſtande wieder am nächſten kommt. Wir leben daher der Ueberzeugung, daß die an ſich klaren Wahrheiten der einfachſten Zahlverhältniſſe und akuſtiſchen Intervalle in der Muſik am Ende noch eine ähnliche Epoche machen werden, wie die Lehren von den Kegelſchnitten und die Geſetze des freien Falles in der Aſtronomie. Machen wir aber im Allgemeinen den Vergleich der Akuſtik mit der Aſtro⸗ nomie, ſo entſpricht im Beſonderen die Tonlehre unſerem Planctenſyſtem und Joſeph Zarlino wäre der Kopernikus, Chladni der Keppler, es fehlte alſo nur noch ein Newton der Akuſtik, der uns die Naturgeſetze des Schalles ſo einfach anzuwenden und ſo geſchickt zuſammenzufaſ⸗ ſen lehrte, daß wir Saiten- und Blasinſtrumente für alle Tonarten zugleich nach leiterreinen Ton⸗ verhältniſſen zu conſtruiren im Stande wären. Dieſe Zeit kann nicht ſehr fern mehr liegen. Denn die Vorbereitungen zur Löſung jener Aufgabe haben ſchon begonnen, ſeitdem Brook Taylor die geometriſche Conſtruktion der Curve ſchwingender Saiten unterſucht, Joh. Bernoulli, Euler, Dan. Bernoulli, d'Alembert u. a. über die Töne ſchwingender Saiten von verſchiedener Länge, Spannung und Dicke diskutirt, beſonders aber Lagrange ihren Diskuſſionen dadurch ein Ende gemacht hat, daß er als Reſultate ſeiner akuſtiſchen Forſchungen die Geſetze dieſer Schwingun⸗ gen angab, deren Richtigkeit durch Verſuche mit dem Monochord nach Fiſcher's und Weber's Einrichtung ſich nachweiſen läßt. Dieſe Vorbereitungen ſind fortgeſetzt worden damit, daß Euler und D. Bernoulli das Geſetz entwickelten, nach welchem elaſtiſche Streifen und Stäbe erzittern; daß außer den eben Genannten vorzüglich Chladni, Savart und W. Weber die Längen⸗ ſchwingungen der Saiten, Stäbe und Röhren erkannten und genauer beſtimmten; daß Letzterer mit ſeinem Bruder E. H. Weber gemeinſchaftlich eine Theorie der Wellenbewegung überhaupt und der Schallvibrationen insbeſondere aufſtellte, auch gleichzeitig mit Biot u. Hamel die Zungenpfeifen einer ſpeciellen Unterſuchung unterwarf; und endlich dadurch, daß Caignard⸗Latour, Biot, Henle und Joh. Müller die ausführlichſten und gehaltreichſten Unterſuchungen über Schwingungen elaſtiſcher Membranen mit Beziehung auf die Stimme des Menſchen anſtellten, welche letztere nach Magendie zur Klaſſe der Zungenpfeifen mit freiſchwebenden einſchlagenden Zungen gehören ſoll.*) Aber die Geſetze zu erforſchen und zu beweiſen, nach welchen die menſchliche Stimme vermag in jeder Ton⸗ art den leiterreinen Tonverhältniſſen ſich zu accommodiren, das wäre es hauptſächlich, worauf das ſpähende Auge des wiſſenſchaftlichen Akuſtikers gerichtet werden müßte, um den erfinderiſchen Künſtler darüber zu belehren, wie er bei der Verbeſſerung muſikaliſcher Inſtrumente zu verfahren habe. Hier den Schleier zu lüften, bleibt eben jenem Newton der Akluſtik vorbehalten, welchen wir noch erwar⸗ ten. Dahingegen wäre unſer Tycho de Brahe ſchon längſt da, das iſt Gfr. Weber, wel⸗ cher in ſeiner Theorie der Tonſetzkunſt voll Hohn und Spott über die mühſam errungenen Ergebniſſe früher gelungener Forſchungen tiefblickender Männer ſchonungslos abſpricht und Lehren, die ſchon längſt anerkannt ſind, verwerfen will in dem Wahne, als ob er etwas Beſſeres an ihre Stellen zu ſetzen im Stande ſei. Weil ähnliche Vorwürfe die meiſten Lehrer und Künſtler der Muſik treffen, wollen wir das Sachverhältniß etwas heller beleuchten, aber nicht etwa in der Abſicht, um Gfr. Weber

*) Ueber mehrere hier angegebene Thatſachen vergleiche Fries' Naturl, Pouill.⸗Müller's Lehrb. d. Phyſ⸗ und Gehler's phyſikal. Wörterbuch an den betreffenden Stellen.