Ueber die Nothwendigkeit der Kenntniß von den Geſetzen der Tonintervalle zur wiſſenſchaftlichen Begründung der Tonſetzkunſt un d warum neben einer Durtonleiter drei verſchiedene Molltonleitern für jeden Grundton ſich aufſtellen laſſen.
Ein Beitrag zur Tonlehre, von E. Mahr.
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Es iſt eine unabläugbare Thatſache der Erfahrung, daß der beſte Geſang durch Inſtrumentalbeglei⸗ tung in der Regel verdorben wird, daß dagegen ein richtig eingeübter bloſer Geſang,— vorausge⸗ ſetzt, daß das Muſikſtück an ſich gut iſt,— ſtets auch eine gute Wirkung auf den Zuhörer macht. Der Geſang iſt alſo vollkommener, als die Muſik mit unſeren Saiten- und Blasinſtrumenten, wie⸗ wohl jene vor dieſen immer noch den Vorzug haben. Damit ſoll jedoch keineswegs behauptet wer⸗ den, daß unſere Inſtrumentalmuſik für ſich allein nicht auch ſchön ſei. Im Gegentheil würde ſich vom Standpunkte der Kunſt ſowohl als von dem der Wiſſenſchaft aus zeigen laſſen, daß unſere neueren Künſtler auf geſtrichenen Saiteninſtrumenten es zu einer großen Fertigkeit gebracht haben, und wie und warum ihnen ein ſo hoher Grad der Vollkommenheit möglich ward; es lieſſe ſich aber auch zeigen, daß auf Blasinſtrumenten ſeit der Erfindung der Klappen und Ventile faſt Unglaubliches ge— leiſtet wird, und warum jetzt viel mehr leiterreine Töne auf denſelben angegeben werden können, als früher. Und dennoch müſſen wir dem Geſange wiederholt den erſten Rang einräumen, mehr noch wegen gefälliger Beugſamkeit und vollkommener Reinheit gut eingeſungener Stimmen, als wegen des ſtetigen Anſchwellens und allmäligen Verhallens ihres Klanges. Der Grund der Möglichkeit höherer Reinheit des Geſanges liegt darin, weil das menſchliche Sangorgan unter allen muſikaliſchen Werkzeugen von der Natur ſelbſt, ihren Geſetzen gemäß, am vollkommenſten eingerichtet und herge⸗ ſtellt worden iſt. Dagegen hat die Kunſt im Inſtrumentenbau noch lange nicht das erreicht, was man von vollkommen guten Inſtrumenten verlangen muß, wenn man darauf der menſchlichen Stimme es gleich thun ſoll. Warum ſollte denn aber der Muſikinſtrumentenbauer bis jetzt nicht völlig Genü— gendes geleiſtet haben, da doch die ganze Mechanik in unſeren Tagen ſo raſche, große Fortſchritte gemacht hat?— Darum, weil ihm Hebel, Keil und Schraube allein nicht Hülfe genug bieten, um Holz, Metall und thieriſche Stoffe ſo zuſammenzufügen, daß damit muſikaliſch brauchbare Töne rein, klangvoll, beugſam, anſchwellend und verhallend hervorgebracht werden könnten; er bedarf noch anderer Kenntniſſe, beſonders der akuſtiſchen Geſetze. Aber wir wollen nicht ſowohl ihm den Vor— wurf machen, als Anderen; denn er iſt zur Zeit ſchon in beſſere Wege eingelenkt, die ihm die wiſ— ſenſchaftliche Akuſtik zeigte, wie die praktiſchen Schriften eines Töpfer, Kützing u. a. auf höchſt erfreuliche Weiſe darthun. Unſer Vorwurf trifft vielmehr die ausübenden Muſiker und vor allen die 1


