Aufsatz 
Pestalozzi als Mensch, Staatsbürger, Dichter und Erzieher, mit seinen eigenen Worten geschildert, Lesefrüchte aus seinen Werken / von J. F. E. Meyer, Rector
Entstehung
Einzelbild herunterladen

35*½

befriedigendſten abklärten und löſeten, ſtanden bei ihm unerſchütterlich feſt. Er war duldſam, nur nicht gegen Unduldſamkeit. Den Inhalt der Bibel ſchied er wohl von menſchlichen Meinungen, und konnte, wenn er eine Dogmatik oder eine Kirchen⸗ und Ketzergeſchichte geleſen hatte, bei Erwähnung kraſſer Anſichten wohl ausrufen:es iſt doch erſtaunlich, ganz erſtaunlich! Den Streit der religiöſen Partheien leitete er dann wohl von dem unklaren Begriffe des Wortes Glauben her. Je nüher er ſich dem übergange in ein Daſein fühlte, das ihm die Auflöſung ſo manches religiöſen und wißenſchaftlichen Problems, an dem er ſich denkend abgemühet, verſprach, deſto öfter und lieber ſprach er von dieſen Dingen. Unter ſolchem Sinnen iſt er hinüber geſchlummert.Alſo noch auf der Welt, nicht außer der Welt, ſagte er kurz vor ſeinem Tode, aus Träumen der Phantaſie auf einen Augenblick erwachend.

Im Wißenſchaftlichen hatte nur das Werth für ihn, was er ſich zu völliger Klarheit und Deutlichkeit erheben konnte. Daher ſeine Liebe zu der Mathematik. Aller Dogmatismus war ihm zuwider. Nie nahm er überliefertes in ſich auf, ohne den Weg rückwärts bis zu ſeiner Quelle zu machen. Er beſchäftigte ſich mit keiner Wißenſchaft, ohne ſich zu fragen, was läßt ſich davon mit der geiſtigen Kraft erkennen und was liegt jenſeits der Grenze des geiſtigen Vermögens. Daher die Begeiſterung, womit er die kritiſche Philoſophie begrüßte, der Eifer, womit er ſie zu ihrer Zeit aufnahm und ihre ſteigernde Rückwirkung auf das, was ſie in ihm als Anlage ſchon vorfand. Er war ein gründlicher Kenner und treuer Anhänger der Kantiſchen Philoſophie. üÜber Kant, Fichte, Schelling, deren Vorgänger und Zeitgenoßen gingen ſeine philoſophiſchen Studien nicht hinaus. So wie es überhaupt bis nahe vor ſeinem Ende ihm der höchſte Genuß war, ſich über philoſophiſche Fragen zu unterhalten, ſo ſuchte er auch gern bei jüngern Freunden vom Fach Belehrung über die neueſten Syſteme. Die Hegelſche⸗ Philoſophie aus der Quelle zu ſchöpfen, hatte er nicht mehr Ausdauer genug. Die ihm fremde Terminologie ſtieß ihn zurück.Ich verſtehe das nicht! klagte er. Bücher, in welchen dieſes Syſtem im populären überblick gegeben iſt, waren, weil er hier mehr fertige Reſultate als die Reihe ihrer Vorderſätze ſah, eher geeignet, ſeine Abneigung zu vermehren, als zu heben.Ich möchte nur wißen, pflegte er ſich dann zu äußern,wie er das bewieſen hat! Auch in andern neueſten wißenſchaftlichen Büchern ward ihm wohl unheimlich bei den Tönen einer ihm nicht geläufigen Kunſtſprache. Seine Erwartungen von den Ergebniſſen alles Philoſophirens waren nicht gar groß, und er konnte im Geſpräch dahin kommen, zu ſagen, jenes Ausgehen von der Analyſe der Seelenkräfte ſei doch der allein richtige Weg geweſen, man müße dahin zurück, und dann werde ſich immer mehr zeigen, daß wir uns nur des Formalen, der Denkgeſetze und der Erſcheinungsform

der Dinge ſicher bewußt werden; an das innere Weſen derſelben komme die Erkenntnis in dieſem Leben nimmer heran. Die letzte vernehmbare Außerung vor ſeinem Entſchlafen wiederholte in kurz abgebrochener Weiſe dem Kundigen dieſe überzeugung.