Aufsatz 
Pestalozzi als Mensch, Staatsbürger, Dichter und Erzieher, mit seinen eigenen Worten geschildert, Lesefrüchte aus seinen Werken / von J. F. E. Meyer, Rector
Entstehung
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näher als er. Ich ſtehe ſtaunend vor allem Leben der phyſiſchen Schöpfung und ſehe im Anblick aller Kraft und aller Kunſt ihrer Vervollkommnung die Wahrheit ihres Zurückſtehens in allem ihrem Sein und allem ihrem Thun hinter der Höhe und Heiligkeit aller Erforderniſſe für die Bildung unſeres Geſchlechts. Die Menſchenkunſt, die Menſchenbildung iſt von Gottes und der Natur wegen die höchſte Kunſt unſeres Geſchlechts; der Menſch muß ſie Puchen und ſchäben als ſein höchſtes Gut. VI. 15. f.

Jedes Weib, das wahrhaft Mutter iſ, ſehnt ſich vorzüglich und überwiegend nach der Entfaltung der Menſchlichkeit ihres Kindes. Jedes Weib, das Mutter iſt, ſehnt ſich mit inniger Lebendigkeit nach den erſten Spuren ſeines innern menſchlichen Seins. Freund der Menſchheit, ſiehe wie ſie, die Mutter, auf ſein erſtes Lächeln lauert, wie ſie göttlich froh iſt bei ſeiner erſten Erſcheinung, wie ſie alles thut, ſeine erſte Wiederholung zu erkünſteln und zu erzwingen, wie ſie ihm lächelt und wieder lächelt, wie ſie lieblich und anmuthsvoll iſt, damit es auch lieblich und anmuthsvoll werde. VI. 27.

Freund der Menſchheit, faſſe dieſen Gang der Natur in ſeiner tiefſten Bedeutung in's Auge und erhebe dich zum höhern Ahnen ſeiner heiligen, göttlichen Folgen. Siehe wie ſich aus der Liebe zur Mutter auf dieſer Bahn die Liebe zu Gott, aus dem Vertrauen auf die Mutter, das Vertrauen auf Gott, aus dem Glauben an die Mutter der Glaube an Gott einfach und lieblich entfaltet, wie ſich die menſchliche Ruh in den Armen der Mutter im Kind zur himmliſchen Ruh in Gottes Armen erhebt. VI. 30.

Die Raupe flog vor ihm als Schmetterling einher. Er jagte ihr durch Feld und Flur nach, aber das Volk, das die Erde bauete, klagte, er verderbe ihm ſein Thun, ſein Gras und ſein Korn. Sie kroch vor ihm auf dem wachſenden Kohlſtocke, auf dem blättervollen Baume und an der grünenden Hecke; er haſchte ſie wieder; aber ſie ſtarb in ſeiner Hand und er warf ſie als ein faulendes Aas weg. Jetzt hing ſie am ſich entblätternden Baume und an den kahlen Wänden ſeines Hauſes er haſchte ſie noch einmal und wartet jetzt bis ihre todte Larve für ihn ſicher zum Leben erwacht. Wenn du die Wahrheit ſuchſt, ſo jage ihr nicht nach, haſche nicht nach ihr, warte ihrer in Liebe, Ruhe und Geduld. Thuſt du dieſes, ſie kommt ſelbſt zu dir, ſie klopft an deiner Thür an, und will Wohnung bei dir machen. X. 3. f.

Der Schwamm ſagte zum Gras: ich ſchieße in einem Augenblick auf, indeſſen du einen ganzen Sommer durch wachſen mußt, um zu werden, was ich in einem Augenblick bin. Es iſt wahr, erwiederte das Gras, ehe ich etwas werth bin, kann dein ewiger linzvrrih hundert Mal entſtehen und wieder vergehen. X. 10.

Die Menſchen klagen ſo viel über mich, und ich nage doch nur an einem armſeligen Blatt, du hingegen verbrennſt Häuſer und Dörfer. Alſo ſagte der C Graswurm zum ſchrecklichen Strahl. Füne Heuchler! donnerte ihm dieſer herunter, du verheerſt mit Rüent Blätterfreßen weit mehr, als ich mit meiner lauten, gewaltigen Kraft. X. 13.