Aufsatz 
Pestalozzi als Mensch, Staatsbürger, Dichter und Erzieher, mit seinen eigenen Worten geschildert, Lesefrüchte aus seinen Werken / von J. F. E. Meyer, Rector
Entstehung
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Wort ausſprach, trieb ein Hirtenbub unter dem Felſen, auf dem ſie ſtunden, eine magere Geis vor ihm her. Er ſtund zu ihren Füßen ſtill, ſah gegen die Sonne hin, lehnte ſich auf ſeinen Hirtenſtock und ſang ein Abendlied. Er war die Schönheit ſelber und Berg und Thal und die Itte verſchwanden vor ihren Augen. Sie ſahen jetzt nur den Jüngling, der, in Lumpen gehüllt, zu ihren Füßen ſtund und Arner ſagte: ich hatte Unrecht, die Schönheit des Menſchen iſt die größte Schönheit auf Erden. III. 214. f.

Es iſt wahr, hier fault das Samenkorn ſchon in der Mutterpflanze, dort trocknet es aus, ehe es reif iſt und wird angefreßen, ehe es in die Erde geworfen, und auch wenn es aufgeht, nagt der Wurm an ſeinem Herzblatt und macht es ſerben(welken). Winde wehen über ſeine Blüthe, der Hagel zerreißt ſeine ſich entfaltenden Faſern und der Fußtritt von Menſchen und Vieh geht mörderiſch über ſein wachſendes Leben; ſelber die Frucht, die allem dieſem entronnen, iſt um deswillen dem Schickſal ihres Verderbens noch nicht enfgangen. Auch iſt unter allem, was in der Erde wurzelt und ſich wachſend über ſie erhebt, das Schlechtere häufig und gemein und das Vollkommnere ſelten. Die höchſte Pracht der Blume wächſt auf faſt unzugänglichen Bergen und im glühenden Sand unbewohnter Welttheile, und auch bei den Thieren findeſt du den höchſten Ausdruck ihrer Kraft und Schönheit eben ſo in unzugänglichen, unbewohnten Gegenden. Aber der Menſch vervollkommnet das Gemeine, das ihn als ſein Erbtheil überall umgiebt. Er macht ſchlechte Fruchtarten durch ſeinen Anbau zum Reichthum des Landes, er pfropft auf den Baum, der bei ihm wild wächſt, Früchte fremder Welttheile. Er ſchafft einzelne Thiere, die in der Wildnis ſerbten, zu Heerden um, die ſich an Geſtalt und Abtrag unter ſeiner Hut nicht mehr gleich ſehen. Er entreißt das Vollkommene den Werkſtätten der Natur und macht es zum Werk ſeiner Kunſt. Was er diesfalls an der thieriſchen und todten Natur thut, das thut er auch an ſich und ſeinem Geſchlecht. Er muß es thun, ſonſt geht auch er in der Unbeſorgtheit eines bloß thieriſchen Daſeins zu Grunde, wie die unbeſorgte Schwäche im Pflanzen⸗ und Thierreich ohne menſchliche Wartung zu Grunde geht. VI. 1. f.

Aber der Menſch veredelt ſich nicht wie der Stein im Gebirge, nicht wie die Saaten des Feldes und das Vieh auf der Trift. Im Gegentheil die Wartung, die Sorge und Kunſt, mit der alle Weſen, die nicht Menſchen ſind, ſich vollenden, iſt nicht nur nicht dieſelbe mit derjenigen, durch die ſich der Menſch vollendet; ſie ſteht vielmehr mit ihr in beſtimmtem Widerſpruch und wirkt ihr grade entgegen. Wenn du einen köſtlichen Stein ſchleifſt, ſo erhöhſt du ſeinen Werth; wenn du den Menſchen abſchleifſt, ſo verminderſt du ihn, wenn du ihn wie die edelſte Pflanze beſorgſt, aber bloß in Nahrung, Wärme und Ruh, ſo machſt du ihn ſinnlich, ſelbſtſüchtig und träg. Wenn du ihm die höchſte Kraft, die höchſte Vollendung des Thieres gibſt, ſo entmenſchlichſt du ihn. Gib ihm die Liſt des Fuchſes, was haſt du ihm, dem Menſchen, gegeben? Gib ihm den Geruch des Hundes, was haſt du ihm gegeben? Gib ſeinem Herzen Löwenmuth hinter einem Blutrachen und Speiſe zu ſeiner Zeit: das Schaf, das er ſchlachtet, iſt in ſeinen Anlagen der Menſchennatur