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Gertrud. O Lieber, das iſt beiweitem nicht ſo; wenn es nichts als Arbeit und Verdienſt brauchte, die Armen glücklich zu machen, ſo würde bald geholfen ſein. Aber das iſt nicht ſo; bei Reichen und bei Armen muß das Herz in Ordnung ſein, wenn ſie glücklich ſein ſollen. Und zu dieſem Zweck kommen die weit mehrern Menſchen eher durch Noth und Sorgen, als durch Ruhe und Freuden; Gott würde uns ſonſt wohl gerne lauter Freude gönnen. Da aber die Menſchen Glück und Ruhe und Freuden nur alsdann ertragen können, wenn ihr Herz zu vielen überwindungen gebildet, ſtandhaft, ſtark, geduldig und weiſe iſt, ſo iſt offenbar nothwendig, daß viel Elend und Noth in der Welt ſein muß; denn ohne das kommt bei wenig Menſchen das Herz in Ordnung und zu innerer Ruhe. Und wo das mangelt, ſo iſt's gleichviel, der Menſch mag Arbeit haben oder nicht; er mag überfluß haben, oder nicht. I. 63.
Lehre deine Kinder Ordnung und Fleiß, daß ſie in der Armuth nicht verlegen, unordentlich und liederlich werden. Lehre ſie auf Gott im Himmel trauen und bauen und Geſchwiſter an einander bleiben in Freude und Leid, ſo wirds ihnen auch in der Armuth wohlgehen. I. 85.
Das Chriſtenthum iſt in bürgerlicher Hinſicht das höchſte Ideal der göttlichen Vorſicht, den ewig nothwendigen Unterſchied der Stände und des Eigenthums des Drückenden, das ſie in einer heidniſch rohen Anſicht ihres Rechts haben, zu entledigen und den Ärmſten und Elendeſten aller chriſtlichen Gemeindegenoßen zum frohen, theilnehmenden Mitgenuß der weſentlichen irdiſchen Segnungen, die Gott für alle Erdbewohner in aller Fülle erſchaffen, zu erheben. II. 140.
Wir alle trinken an der Quelle des Elendes und ein Gott iſt's, der den einen früher, den andern ſpäter von dem Gift dieſer Quelle heilet; und ihr Gift ſelbſt wird dem einen ein Geruch des Lebens zum Leben, dem andern ein Geruch des Todes zum Tode, und wenn wir nicht auf jenes Leben hofften, ſo wäre der Zuſtand von Millionen Menſchen, welche unter Umſtänden leben, die ſie faſt unwiderſtehlich in's Verderben ſtürzen, init der Gerechtigkeit Gottes nicht zu vergleichen(vereinbaren) und der Menſch wäre die elendeſte aller Creaturen. Ja, wir wollen immer auf jenes Leben hoffen und unſere Erfahrungen zeigen uns deutlich und klar, daß wir mit unſerm Volk nur dadurch zu einem guten Ziel kommen werden, wenn wir es dahin bringen, ſein jetziges Leben mit feſter Kraft an die Hoffnungen des künftigen zu bauen. II. 187. f.
Vor dieſem Zeitpunkte war alles gar einfach. Das Volk ſuchte nur beim Feldbau ſein Brod. Das Land war wohlfeil, der Feldbau nicht künſtlich. Wir hatten hundert und hundert reiche Bauern, die wenig brauchten und ſich dadurch bei jedem Unglück, ſelber bei Kriegs⸗, Feuers⸗ und Waßersnoth, ſchnell wieder erhoben; jetzt braucht der halb verarmte Bauer mehr, als ehemals die reichſten. Die Zahl der Wohlhabenden in allen Ständen nimmt ſichtbar ab. Brodlos, hülflos und eigenthumlos war in dieſer Zeit in vielen Gegenden ſo viel als niemand; jetzt iſt das eigenthumlos ſein ſo viel, als zum dritten Stand, oder wenigſtens zuweit(beiweitem), zum größten, der im Land iſt, geworden. Es waren wenig Laſten, wenig Auflagen im Land. Mit wenig Boden und etwa ein Paar Kühen konnte man unter einem Strohdach glücklich,


