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Nein, nein, unverbeßerlich iſt der Menſch nie; die Kräfte ſeines Geiſtes, ſeines Herzens und ſeiner Hand können wohl lahm und, wenn ihr wollt, ausſätzig werden; aber des Menſchen Herz und des Menſchen Kopf, wenn es ſchon, ich möchte ſagen, in Hirn und Bruſt durch Umſtände halb in Fäulnis gebracht werden kann, ſtirbt doch nie ganz in ihm aus. Wenn man nur von oben herab recht an das Gute, das im Menſchenherzen iſt, anklopft, ſo öffnet es ſich gewis! IV. 106 f.
Ich habe es jetzt erfahren und darf es jetzt ſagen: es geht lange, es geht unbegreiflich lange, ehe der Irrthum und der Wahnſinn des Menſchengeſchlechts unſere Natur in eines Kindes Herz ganz erſtickt hat. Es iſt ein Gott, der ein Gegengewicht gegen das Raſen wider uns ſelbſt gelegt hat. Das Leben und die Wahrheit der ganzen Natur, die unſer Daſein umſchwebt, unterſtützt dieſes Gegengewicht und das ewige Wohlgefallen des Schöpfers, der nicht will, daß das Heilige unſerer Natur in unſerer Schwäche und unſerer Unſchuld verloren gehe. V. 34.
Freund! Der Menſch iſt gut und will das Gute; er will nur dabei auch wohl ſein, wenn er es thut; und wenn er böſe iſt, ſo hat man ihm ſicher den Weg verrammelt, auf dem er gut ſein wollte. O, es iſt ein ſchreckliches Ding um dieſes Wegverrammeln! und es iſt ſo allgemein, und der Menſch iſt deshalb auch ſo ſelten gut. Aber dennoch glaube ich ewig und allgemein an das Menſchenherz und gehe jetzt in dieſem Glauben meine bodenloſe Straße, als wenn ſie ein römiſch gepflaſterter Weg wäre. V. 100.
Wenn auch die große Mehrheit unſers Geſchlechts ſchlecht iſt, und faſt alles, was ſie als Maſſe für die Bildung des Menſchengeſchlechts, für ſich ſelbſt oder durch ihre Behörden für den Augenblick thut, ſo viel als nichts taugt, ſo mangeln um deswillen die wahren Fundamente der Menſchenveredlung einem Volk, einem Staat nichts weniger als ganz. Dieſe ruhen weſentlich in dem Anfang alles Edeln, Guten, Großen, das im Staat wirklich da iſt und in Thaten und Worten auf die Individua deſſelben einwirkt. Es ſind in allen Staaten noch tauſend und tauſend Menſchen vorhanden, die unſer Zeitverderben in ſeiner Wurzel erkennen und die Leiden und das Elend der vergangenen Jahre mit dem Bewußtſein, daß es aus den verſchiedenen Arten unſeres Civiliſationsverderbens entſprungen, ins Auge faßen. Dieſe Menſchen haben nur eine Erweckungsſtunde, nur einen höhern, ſie erweckenden, reinen, ſie vereinigenden Nittelpunkt nöthig. VI. 55. f.
Verarmung, ihre Quellen, Folgen und ihre Hülfe.
Lienhard. Ich ſah es oft, wie du in der größten Noth auf Gott vertraueteſt und zufrieden warſt: aber wenig Menſchen ſind im Elend, wie du, und viele ſind, wie ich, bei dem Drang der Noth und des Elends ſehr ſchwach; darum denke ich immer, man ſollte mehr thun, um allen Armen Arbeit und Brod zu verſchaffen. Ich glaube, ſie würden dann alle auch beßer ſein, als ſie in der Verwirrung ihrer Noth und ihres vielen Jammers jetzt ſind.


