Jahrgang 
1912
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Schlichtheit uns zum Bewußtſein bringen, daß alle dieſe Menſchen, die doch jeder ihr eigenes kleines Ich leben, ihr Beſtes und ihr Innerſtes in der Entſcheidung über Vaterſtadt und Vaterland, über Vorteil oder Ehre, über Unrecht oder Recht offenbaren. So zeigt ſich im Kampf die Größe, zeigt ſich erſt im Opfermut der Patriot.

Eine Schüleraufführung und dieſes mächtige fünfaktige Drama. Das ſcheint ein allzugroßes Wagnis zu ſein, aber es iſt geglückt! Es war eine Aufführung aus einem Guß, und wir müſſen geſtehen, daß ſie uns tiefer bewegt hat, als die der berufenen Bühnenkünſtler. Die Liebe, die Hingebung, die unſere Jugend im künſtleriſchen Spiel bekundete, wirkte ſo ſtark auf uns. Fritz Sommer, der den unnachgiebigen, trotzigen alten Nettelbeck darſtellte, blieb getreulich von Anfang bis zu Ende in den Grenzen dieſes kraftvollen Charakters. Für einen jugendlichen Darſteller eine recht ſchwierige Rolle. Die ſympathiſche Geſtalt des ernſten, getreuen Kommandanten Gneiſenau, die vom Ruhme der Geſchichte umfloſſen iſt, ſtellte Ernſt Brill klar und feſt vor uns hin; ſein wirklich bewunderungswürdiges Spiel erhielt einen großen Zug, beſonders in den beiden letzten Akten, die Gneiſenau im Ringen mit ſeiner verantwortungsvollen Aufgabe ſchildern. Großartig dieſe Feſtigkeit und Beherrſchung des jungen Mannes! Im Hauſe der Witwe Blank, die uns Ida Goldmann verkörperte, lernen wir ein echt deutſches Mädel, die Roſe, kennen. Schwert und Schießgewehr darf ſie nicht tragen, aber ein tapferes deutſches Herz offenbart ſie den Männern, und mit nie verſiegendem Mute richtet ſie die Zagenden auf. Ihr ſchneller Entſchluß, nach Memel zum König zu reiſen, ihre Heimkehr und Berichterſtattung im Rats⸗ keller, dann im letzten Akt der Abſchied vom Bruder, das ſind ſchöne Züge dieſer lieblichen Geſtalt, die uns Elſe Eppelmann mit feinem Empfinden und köſtlich edlem Spiel nachſchuf. Dem jungen Heinrich, der wie ſo viele damals bewundernd vor der Größe des Korſen im Staube liegt, und den Gneiſenau mit beredtem Beiſpiel von deutſcher Treue und Ehre auf den rechten Weg bringt, gab uns Adam Keil, der die aufwallende Leiden⸗ ſchaft und das Aufraffen zur befreienden Tat mit ſchöner Kunſt geſtaltete. Eine vortreffliche Figur in dieſem hiſtoriſchen Rahmen ſtellte Martin Ziegler als Würges, den einſtigen friderizianiſchen Krieger, dar. Ernſt Pfaff als Leutnant vom Schill'ſchen Freikorps, Fritz Freund als Hauptmann, Franz Amrhein als Gefreiter, Guſtav Pfeiffelmann als franzöſiſcher Parlamentär, ſie leiſteten alle Tüchtiges. Dann unter den Bürgern der hochbegabte Gröbe als Rektor Zipfel, ſo fein, wie der Dichter dieſe Rolle erdacht hat, ſo fein wurde ſie auch ausgeführt. Otto Eberhardt, Wilhelm Bauer und Otto Michel waren vorzügliche Bürgertypen. Ein ſtarkes Bühnentalent offenbarte Hugo Chriſtmann als biederer Ratskellermeiſter, an dem man ſein Vergnügen hatte. Weiter ſind noch zu nennen Erwin Wolf, Wilhelm Hoffmann, Heinrich Gaier, Walter Fritz, Rudolf Hensler, Edmund Diehl, Georg Köppler. Dazu die Offiziere, Bürger, Frauen und Kinder, die ſich gewandt und lebhaft gruppierten und bewegten. Es ging ein flotter Zug durch das Ganze.

Herrn Oberlehrer Dreſcher, dem Regiſſeur, gebührt für ſein künſtleriſches Walten höchſte Anerkennung. Reizende Bühnenbilder wußte er zu ſchaffen und die Koſtüme erwieſen eine geſchmackvolle, ſtil⸗ und zeitgerechte Auswahl. Das Harmonium, in der Kirchgangsſzene von Herrn Reallehrer Faulſtroh geſpielt, war von der Firma Schall freundlichſt zu Verfügung geſtellt worden. Wie wir zu unſerer Freude hören, ſoll die ſo über⸗ aus wohlgelungene Aufführung am kommenden Mittwoch wiederholt werden; ſie wird auch dann allen Zuſchauern einen hohen Genuß bereiten. Der Beifall war geſtern ſo ſtürmiſch, ja raſend, daß die tiefe Wirkung dieſer Feſtaufführung ſchlechterdings nicht deutlicher bezeugt werden kann.

Bei faſt ausverkauftem Hauſe wurde die Aufführung mit der gleichen Rollenbeſetzung und demſelben Erfolge am 29. November wiederholt und auf den Wunſch des Kommandeurs des hieſigen Infanterie⸗Regiments Prinz Carl(4. Großh. Heſſ.) Nr. 118, Herrn von Behr, am 6. Dezember für die Mannſchaften des Regiments aufgeführt.

Mit einem Begleitſchreiben, das den herzlichen Dank des Regiments für das Gebotene zum Ausdruck brachte, überſandte Herr Oberſt von Behr der Anſtalt einen Kunſtdruck des großen Oelgemäldes Sturm auf Chambord am 9. Dezember 1870, gemalt von C. Röchling. Das Original befindet ſich im Beſitz des Regiments.

Der Sendung hatte Herr von Behr folgende Widmung hinzugefügt:

Es blitzt das Schwert, es ſchwirrt das Geſchoß, Es fechten die alten Burgunden,

Sie haben in König Etzels Schloß

Den Tod und den Ruhm gefunden.

Als ſtiegen aus dem Grabe hervor,

Die Helden, die damals gerungen,

So kämpften heut' beim Schloß Chambord Die Erben der Nibelungen.