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Die Direktion des Großh. Oſtergymnaſiums zu Mainz hat im vergangenen Jahre einen Aufruf an die Eltern ihrer Schüler erlaſſen, der ſich in Form und Inhalt mit unſerer Auffaſſung und unſeren Wünſchen deckt; ihn bringen wir daher an dieſer Stelle mit der Bitte zum Abdruck, ihm ernſtliche Beachtung ſchenken zu wollen:
„Wir müſſen die Eltern und alle, die es mit der Jugend gut meinen, zum Kampfe auffordern gegen einen der gefährlichſten Feinde, die die Jugend heute hat: es iſt die in betrübendem Maße ſich mehrende Schundliteratur. Mag ſein, daß bei manchen erwachſenen Schülern die unverdaute Lektüre neuerer Philoſophen und Roman⸗ ſchriftſteller eine verhängnisvolle Rolle ſpielt, in jedem Fall verderblich iſt die Wirkung der Schundliteratur auf die Geiſter in den unteren und mittleren Klaſſen. Grauenhaft iſt das Titelbild, grauenhaft der Text. In ſchlauer und boshafter Berechnung hat man es auf die Reizung an ſich geſunder und berechtigter Triebe in unſeren Kindern abgeſehen, wie Taten⸗ drang und Unternehmungsluſt. Aber dieſe Triebe werden in falſche Bahnen gelenkt: Vor⸗ ſtellungskraft und Nerven der Kinder werden überreizt, ihr Sinn für Wahrheit und Wirk⸗ lichkeit zerſtört, ihr Geſchmack verdorben und zur gänzlichen Vernachläſſigung guter Lektüre erzogen. Die Kinder werden zerfahren, arbeitsunfähig und trotzig, ihr Gemüt verwildert und verroht. Sie kaufen ſich— oft mit unrechtmäßig erworbenem Geld— Meſſer und Schußwaffen, und nicht ſelten iſt es, daß ſie die Schreckenstaten der jugendlichen Verirrten vermehren. Tatkräftiges Eingreifen der Eltern und unabläſſige Ueberwachung iſt hier unbedingt notwendig.
Nicht minder müſſen Schule und Haus Stellung nehmen, gegen die unſittlichen Schriften und unſittlichen Bilder. Früher traten die Schandbücher und Schand⸗ bilder nur vereinzelt auf, heute wälzen ſie ſich wie ein ungeheurer Strom durch die Welt und ſo leider auch durch Deutſchland. Die Eltern ſuchen mit Recht den Genuß verfälſchter Nahrungsmittel von ihren Kindern fernzuhalten: das Gift des Geiſtes iſt viel ſchlimmer. Es handelt ſich um weiter nichts, als um die künſtliche Erregung der Lüſternheit zur Er⸗ zielung eines guten Geſchäftes. Dieſes frivole Spiel wollen wir mit unſern Kindern nicht treiben laſſen. Wir fordern die Eltern auf, in ihren Kreiſen auf Abänderung dieſes ſitten⸗ gefährdenden Geſchäftsgebarens zu beſtehen und im Falle des Widerſtrebens dafür zu ſorgen, daß die Kinder nur da ihre Schreibgeräte kaufen, wo ihre Augen durch Schamloſigkeiten nicht beleidigt werden. Viele Eltern können es ſich nicht erklären, warum ihre Kinder zerſtreut und nervös, ſcheu und einſilbig ſind. Sehr oft liegt der Grund darin, daß die frühgeweckte Sinnlichkeit den Frieden der Kinderſeelen zerſtört hat. Es ſollte doch auch zu denken geben, daß ausländiſche Feinde Deutſchlands, die in beſtimmten Zwiſchenräumen Studienreiſen nach unſerem Lande unternehmen, mit ſchlecht verhehlter Schadenfreude bekennen, daß ſie gerade in der zuletzt berührten Erſcheinung ein untrügliches Merkmal ſittlichen Verfalls erblicken: Schon merke man die Erſchlaffung der Kinder, eine früher unbekannte Lockerung der Sitt⸗ lichkeit, ein Nachlaſſen der alten Seelendisziplin.“
9. Ferien für 1910. Schulbeginn: Montag, den 4. April 1910. Pfingſtferien: Schulſchluß am 14. Mai, Schulanfang 23. Mai. Sommerferien: Schulſchluß am 2. Juli, Schulanfang 1. Auguſt. Herbſtferien: Schulſchluß am 24. September, Schulanfang 10. Oktober. Weihnachtsferien: Schulſchluß am 21. Dezember, Schulanfang 5. Jan. 1911. Schulſchluß am 8. April 1911.


