Jahrgang 
1905
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sein hingebungsvolles Studium der Erscheinung von Luft und Licht. Wir besprechen die»heilige Nacht«.

Florenz jedoch war diejenige Stätte, wo die berühmtesten Meister des Cinquecento den Grund zu ihrer Vollkommenheit legten: Lionardo da Vinci, Raffael und Michelangelo.

Das vollendetste Abbild eines Renaissancemenschen, ein universales Genie, betätigte sich Lionardo auf allen Gebieten, ward Forscher und Bahnbrecher in Kunst und technichen Fächern. In der Malerei gestaltet er das erträumte Ideal aus, arbeitete aber nur einzelne von seinen Bildern wirklich aus, zersplitterte sich in Versuchen. Daher sind uns wenige erhalten.

Der von ihm gemalte Engel auf der»Taufe Christi« seines Lehrers Verrocchio enthält schon die idealen Züge seiner Porträts: den lächelnden Mund, das schmale Kinn, die schönen Augen(entweder heiter strahlend oder von Wehmut leise umschleiert!) und die edel geformten Hände. Sein Meisterbildnis, die»Monalisa«, kann auch inbezug auf die Technik als Vorbild dienen, da das sfumato(die aufgelösten Umrisse) hier zum erstenmale in die Erscheinung tritt.

Das Bild der Bilder, das»heilige Abendmahl« in Mailand, wird wohl immer ehr- würdig bleiben durch das klare psychologische Verständnis in der Auffassung und die dramatische Durchführung der Situation.(Wir vergleichen es mit dem auf dem Brügge- mannschen Altar und dem modernen von Eduard von Gebhardt.)

Die»Madonna in der Felsengrotte« lehrt uns ebenfalls seine meisterhafte Zeichnung, die geniale Abwägung von Licht und Schatten, seine eigentümlichen Licht- reflexe kennen.

Als Begründer der mailändischen Schule beeinflusst er durch seine Nachfolger bedeutsam die norditalienische Kunst.

Den ganzen Kreis menschlicher Gefühle berührt Sandro Botticelli in seinen Werken: von stiller Schwermut bis zu leidenschaftlicher Erregtheit. Im»Magnificat« und seinen andern»Madonnen« hinterliess er Perlen religiöser Andachtsbilder, deren dämmerige Melancholie ihren Zauber nie verliert; er bringt einen ganz neuen Gedanken in diesen Vorwurf.

Begeistert vertieft er sich in die damals ausreifenden Vorstellungen der antiken Götterwelt, den mythologischen Ideenkreis und schuf denFrühling und dieVenus Anadyomene. Beredte Zeugnisse für sein Wissen und für die Gabe, die feinste Nüance aller Seelenstimmungen zu schildern, lieferndie Verleumdung unddie Verlassene.

Seine Zeitgenossen rühmten den männlichen Ausdruck und die grosse Ueber- legung und Proportion, mit der er seine Werke geschaffen; von der Melancholie und Naivität, welche die Modernen allein in ihm sehen wollen, erwähnen sie gar nichts.

Zu Raffael und Michelangelo geleiten uns des ernsten Fra Bartolommeo klassisch freiePietà undHimmelfahrt und des grossen Koloristen und Schönheitsapostels, Andrea del SartosMadonnen. Beide sind Meister der Monumentalkunst. Michelangelo, dem das Gewaltigste stets das Congenialste war, hat ihnen in vollem Masse seine Anerkennung zuteil werden lassen.

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