Des„göttlichen“ Raffael Erdenwallen und Schaffen erörtern wir nach den wichtigen Perioden seines Lebens:
a. Seiner Lehrzeit unter Perugino, dem Meister der schönen Linie und des
klaren Aufbaues, und stellen die beiden„sposalizio“ nebeneinander.
b. Dann folgen wir ihm nach Florenz in seine Madonnenzeit. Wir gruppieren
sie nach formalen Motiven und ihrer Psyche und wählen die Madonnen von Murillo zur Erweiterung des Kreises.
c. In Rom erschliesst er uns dann die allseitigste Entfaltung seiner künstlerischen
und seelischen Kräfte.
Von Papst Julius II. ward er berufen, die Prunkgemächer des Vatikans mit Fresken zu schmücken, deren Inhalt den die Zeit bewegenden Gedanken konkreten Ausdruck verleihen sollte, gewissermassen eine Versöhnung des Ideals der Antike mit den christlichen Anschauungen.
Die„Stanza della Segnatura“ bekundet seine Meisterschaft in der Gruppen- bildung und der Raumbehandlung; die Schönheit und Fülle, die rhythmischen Linien seiner Komposition sind mustergiltig geworden für den Stil ruhiger Wandmalerei. Flutet uns hier die Ausströmung erhöhten geistigen Lebens entgegen, und zwar in unerreichten ldealgestalten, so beweist uns die„Vertreibung des Heliodor“ in der anderen Kamera die dramatische Gewalt, über die sein Pinsel verfügt.
Mit den„Loggien“ und den„Visionsbildern“: der„heiligen Cäcilia“,„Vision des Ezechiel“, der„Transfiguration“ nehmen wir Abschied von dem grössten Maler aller Zeiten.
Die ausgezeichneten Porträts der beiden Mäcenaten Raffaels und Michelangelos, Julius Il. und Leos X, von des ersteren Hand geschaffen, stehen während der Besprechung immer auf der Staffelei.
In seinem Buche: Les mattres d'autrefois sagt Eugène Fromentin: L'art de peindre est l'art d'exprimer l'invisible par le visible. Die beiden gottbegnadeten ltaliener machen diese Worte zur Wahrheit; vorzüglich Michelangelo in seiner„Sixtinischen Decke“. Man weiss, dass Goethe nach seinem Besuche in dem geweihten Raume selbst die Natur nicht mehr schmeckte, weil er sie nicht mit so grossen Augen ansehen konnte, wie der Meister.„In den grossen Augen liegt das Wunderbare.“ Selbstschaffend hat seine Phantasie dies vollkommenste Denkmal aller Freskenmalerei in seinem Inhalt, seiner grossartigen Konzeption, seiner Gedankenfülle und seinem Reichtum an ge- waltigen Einzelgestalten erzeugt, und es wurde eigenhändig von ihm ausgeführt. Wie ein„neues Werden der Welt“ erschien es den Zeitgenossen, wie ein Wunder erscheint es uns. Der„Glanz dieses Schöpfungstages“ sollte niemals erbleichen, die Einwirkung auf unsere Seele nie an Tiefe abnehmen!
Eine grosse photographische Reproduktion der ganzen Decke vermittelt den Gesamt- eindruck, viele Bilder der Propheten und Sibyllen, der einzelnen Schöpfungsbilder und auch des„Jüngsten Gerichtes“ bieten ein nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel bei der Erklärung.
Indes— ich kann nur anregen. Wenn es mir aber gelingt, den Sinn zu erschliessen, die jungen Mädchen zu lehren, offenen Auges durch diese Welt zu gehen, auch das kleinste„Schöne“ aufmerksam zu betrachten, die dadurch erreichbare Weihe ihres inneren Lebens zu wünschen, dann ist meine Arbeit gesegnet!
Worms, 15. März 1905. L. Thomae.
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