Jahrgang 
1905
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er wandte sich daher dessen Lieblingsstadt zu, um ein Vorbild für seine Palastkapelle in Aachen zu finden. Seine Wahl fiel auf San Vitale.

Rom, Byzanz, Ravenna, Aachen Ost- und West-Rom und das Reich des Erneuerers der Würde der Cäsaren geistig durch die Kunst miteinander verbunden.

Die grosse Hof- und Staatskirche des Reichs, eine Zentralanlage mit acht- seitigem Mittelschiff und Kuppel, wurde von allen dem mächtigen Frankenherrscher untergebenen Völkern mit staunender Bewunderung betrachtet und an vielen Orten nachgebildet.

Die dort hervortretende technische Reife des Gewölbebaues fehlt der gleich- zeitigen Basilika-Architektur. Sie behält die flache Decke noch bei, erfährt jedoch eine weitere Ausbildung noch zu des ersten Karolingers Zeiten, und die Fortschritte darin lassen sich lückenlos verfolgen bis zur Verwirklichung des mittelalterlichen Kirchenideales der fünfschiffigen gothischen Kathedrale.(Dohme, deutsche Baukunst.)

Unter Karls Nachfolgern ging zwar wieder vieles an konstruktiven Kenntnissen verloren, auch an Verständnis für die Formen der Antike. Bald beginnt jedoch eine neue selbständige Entwickelung: nationale und klimatische Forderungen wirken sehr be- deutungsvolle Veränderungen: es entsteht eine echt deutsche Kunst, und zwar im alten Sachsenlande. Mächtig hebt sich dort die Kultur unter Heinrich J. und den Ottonen, und»auf diesem Boden erblüht der nach und nach autochthon sich herausgestaltende romanische Stil an kirchlichen und Profanbauten.«(Dohme.) Hauptsächlich in den grossen Klosteranlagen vollzieht sich die Entwickelung der altchristlichen Basilika zur kreuzförmigen Grundlinie mit Doppelchor und Krypta.

An verschiedenen Grundrissen von flachgedeckten und gewölbten romanischen Kirchen, besonders aber an dem unseres Domes wird die veränderte Bauweise mit den wichtigsten Gliedern nachgewiesen und erläutert, und dann dies gewaltige Denkmal aus der Zeit Bischof Burchards selbst besucht und erklärt. Ein solcher Besuch er- weitert den Blick und schärft das Auge mehr als die Abbildungen in Dohme, die Wandtafeln von den Domen zu Speyer, Bamberg und der reichgegliederten Michaelis- kirche zu Hildesheim.

In unserer Stadt finden sich überall die romanischen Ornamente wieder. Der romanische Charakter tritt so häufig an Bauten hervor, dass er den Schülerinnen ver- traut werden muss. Es werden deshalb auch Spaziergänge zum Zwecke des Sehen- lernens als Aufgabe gestellt oder geleitet.

Von den Profanbauten dieser Epoche ziehen wir heran: die Kaiserpfalz in Goslar, die Dankwarderode in Braunschweig, die Wartburg.(Wandtafeln und Photographien.)

Im sogenannten gebundenen romanischen System hat dieser Stil den Höhen- punkt seiner konstruktiven Ausdrucksfähigkeit erreicht. Fast zu gleicher Zeit beginnt die deutsche Architektur ihre Selbständigkeit zu verlieren. Fremde Einflüsse machen sich geltend, besonders von Westen, von Frankreich, her, und es interessiert, zu ver- folgen, wie der deutsche Geist diese an ihn herantretenden Anregungen zu seinem Charakter passenden Bildungen verarbeitet. Denn:»Kunst ist Wesensausdruck».(Thode.)

Diese Zeit des die zentrale Anordnung wieder betonenden Uebergangsstiles, die Jahrzehnte bis zur konstruktiven Einführung des Spitzbogens, des gotischen Stiles, wirkt wegen der vollendeten»Subjektivität« ihrer Bauten ungemein reizvoll. Nachweis

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