Jahrgang 
1905
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entnahmen daher anderen Bauten das Vorbild für ihre Kirche. Sie fanden sie auf dem Forum Romanum, speziell in der Basilika Julia, ja vermutlich noch mehr in den Prunk- sälen der Thermen. Das Bild von Hülsen dient daher auch zur Einführung in die Anfänge der christlichen Architektur.

Das Rechteck, welches meist der Cella des grossen griechischen Peripteros zu Grunde lag, bestimmte die architektonischen Verhältnisse.

An einem Grundriss(wir besitzen eine ganze Sammlung!) wird der Organis- mus der altchristlichen Basilika erläutert und an vielen Bildern von Bauten ähnlicher Art befestigt. Die grossen Wandtafeln von Hölzel und Seemann, Schneider und Metze lassen uns eindringen in das Verständnis für die Konstruktion von San Apollinare in Classe bei Ravenna, dem reinsten Bild einer altchristlichen Basilika, in das Innere von San Clemente, Santa Sabina und San Paolo fuori le mura in Rom.

Längenrichtung und überhöhtes Mittelschiff Grundgesetz für alle Basiliken, grundlegend auch für die ganze mittelalterliche Kirchenbauweise im Abendland. Anfangs zwar übertrug man diesen Stil ebenfalls nach Ostrom. Indes lenkte der Geschmack der dort arbeitenden Künstler bald in andere Bahnen ein. Sie erweiterten den Grund- riss der kleinen runden oder achteckigen Grab- und Taufkapellen und gestalteten ihn nach und nach aus zur Zentralanlage mit Kuppelbau. Andererseits wirkte wieder das Pantheon mit seiner wunderbaren Einheit des Raumes, des Lichtes und der Massverhält- nisse befruchtend auf die Tätigkeit der byzantinischen Baumeister. In der Hagia Sophia ist diese Anlehnung an Westrom prägnant ausgedrückt. Anstatt der Zentralanlage wählen sie die Verbindung des Kuppelbaus mit dem Langhaus der Basilika.(Grund- riss, Hölzel, Monographie von Holtzinger.)

Die interessante Konstruktion der Kuppel fordert geradezu den Vergleich mit einer anderen auf byzantinischen Einfluss hinweisenden, aber vollkommenen Zentralanlage heraus, mit San Vitale in Ravenna; weiterhin auch mit der phantastisch prächtigen Markuskirche in Venedig.(Pantheon: runder Unterbau, Hagia Sophia: 4 Pfeiler, San Vitale: 8 Pfeiler als Stütze der Kuppel.)

Die den Bau dieser Gotteshäuser bestimmenden Hauptgedanken pflanzen sich in den Ländern griechisch-katholischen Bekenntnisses fort, doch wurden die Formen unorganisch miteinander verbunden, willkürlich verändert(besonders die Kuppel: Zwiebel- gestalt) und oft ohne ersichtlichen Grund gehäuft.

Dieser ganzen Richtung schliesst sich an die aus Einzelheiten der ägyptischen, persischen, griechischen, römischen und byzantinischen Architektur zusammengesetzte, eigenartig umgestaltete Kunst des Islam.

Photographien, Wandtafeln und die Monographie von Borrmann erschliessen die Schönheit der»roten Burg« der Mauren, der Alhambra; Blätter aus Lübkes Bilderatlas die farbenprächtige Ausmalung der Wände mit Schriftornament und den vielfältigen Kombinationen geometrischer und stilisierter Pflanzenformen, und den Blick in die auf einem wahren Wald von leichten Säulen ruhende Moschee von Cordova.

Vor den Toren von Ravanna ragt einsam in öder Campagna das Grabmal Theodorichs des Grossen empor. Leider in verstümmelter Form. Die glänzende Ge- stalt des heldenmütigen, bedeutendsten Germanenfürsten der die Verhältnisse des Abend- landes gänzlich umändernden Wanderzeit war Karl dem Grossen besonders sympathisch;

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