Jahrgang 
1905
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Stils. Ihre Götter waren ja mit ihnen verwandte höhere Menschen. Heilig und ernst, wie Aeschylos und Pindar sie erkannten, lebten sie in ihrer Seele; daher verliehen sie ihnen eine so hohe architektonische Schönheit, Anmut und Würde, jene edle Gesichts- bildung, bei«der ein reiner Geist die Züge bestimmte».

Praxiteles und Skopas, Söhne einer ungläubigen Zeit, die nicht mehr festhielt am Erbe der Väter, Zeugen der innerlich durchwühlten Dezennien während und nach dem peloponnesischen Kriege, bedeuten einen wichtigen Abschnitt und Wendepunkt für die ganze griechische Kultur. Der Hermes von Olympia, der leierschlagende Apoll, der Kopf der knidischen Venus, Apollo Sauroktonos vermitteln das Verständnis für ihre Meisterschaft und die Fierrschaft des schönen Stils.

Der dramatische pathetische Charakter, der nach und nach, besonders in der nachpraxitelischen Periode in die bildnerischen Werke eingezogen war, spricht klar aus der Gruppe der Niobiden. Dies Kunstwerk ist charakteristisch für die Gedankenkreise der Griechen um die Wende des 4. Jahrhunderts. Niobe selbst scheint in ihrer Hialtung, in Augen und Mund die in vielen Gemütern der damals Lebenden verzweiflungsvoll sich regende Bitte an die Götter auszusprechen:«Rettet mich und rettet Euer Bild in meiner Seele!

Mit dem Sinken ihrer nationalen Unabhängigkeit geht auch der Zug vornehmer Ruhe nach und nach verloren, aber eine feine geistreiche Bildung spricht aus dem «Apoxyomenos», des Lysippos, der«Nike von Samothrakey, dem«Apoll»(von Belvedère) und der«Artemis»(von Versailles), deren Originale Furtwängler in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts versetzt.

Wie sehr diese Künstler es verstanden, das geistige Wesen und die Bedeutung einer Gottheit im Haupte zum Ausdruck zu bringen, lernen wir durch den Zeus(von Otricoli) verstehen und die Büste der«Anmut und Würde» in sich vereinigenden«Juno Ludovisiy». Gibt es beweiskräftigere Bildwerke für die Behauptung, dass Homer den Griechen ihren Olymp geschaffen?

In die Werke der hellenistischen Epoche, des leidenschaftlichen Stils, führt uns die Betrachtung der«Rettung des sterbenden Patroklos durch Menelaos», deren massvolles Pathos und tiefes Seelenleben noch fern von der Gewalt der Leidenschaft, die der»Farnesische Stier» und die«xLaokoongruppe» verraten. Damit verbindet sich in natürlicher Folge der Vergleich mit der pergamenischen Kunst, dem«Athena-Relief' und zweier Anathemata des Königs Attalos von Pergamos: der«sterbende Gallier» und der«Gallier und sein Weiby.

Mit Rücksicht auf ihre die Jahrhunderte ihres Entstehens charakterisierende Auffassung erklären wir die«Medusa» von der Akropolis, die«Medusa Rondanini» und die«Medusa Ludovisi.

Schliesslich widmen wir auch der Kleinkunst, den Tanagrafiguren, ein kurzes Beschauen; 10 verschiedene Kopien stehen uns zur Verfügung.(fiilfsmittel für alle statuarischen Werke griechischer Kunst: Wandtafeln von Seemann, Baumeister, Denkmäler des klassischen Altertums und viele gute Photographien).

Zum Uebergang in die ganz verschiedenen künstlerischen Anschauungen der Römer wählen wir den grossen Rekonstruktionsversuch vom Forum Romanum von Hülsen. Akropolis und Forum Romanum einander gegenübergestellt verglichen

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