Jahrgang 
1905
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Die gemalten Wandornamente und der Relieffries aus Alabaster in der Burg von Tiryns, die skulpierte Decke des Kuppelgrabes zu Orchomenos in Böotien ver- anlassen uns nochmals zum Vergleichen durch ihre merkwürdige Aehnlichkeit mit ägyptischen und assyrischen Motiven. Milchhöfers(Anfänge der Kunst!) und Hellwigs Forschungen(Homer, Ep. 45) betonen ja auch scharf, dass die Erzeugnisse der mykenischen Periode noch völlig unter dem orientalischen Einflusse stehen. Hier schon von einem Hervortreten rein griechischen Kunstcharakters zu reden, wäre nicht gestattet.

Unmöglich jedoch, diese feineren Unterschiede in der Schule festzustellen. Wir gehen daher über zur Besprechung der Säule und dem von ihr getragenen Gebälk, dem lebendigsten Ausdruck für die Unterschiede der Stilarten(nach den Tafeln von Jakobsthal, Grammatik der Ornamente).

Das hierdurch erworbene Verständnis für dies konstruktiv und dekorativ so wichtige Bauglied erweitern wir vor unserem Bilde der restaurierten Akropolis von Richard Bohn. Diese anregende, nach Pausanias und Baumeister unternommene Wanderung über den herrlichsten aller Burgberge führt uns in Religion und Kunst, in die Griechheit» ein. Was war sie? Verstand und Mass und Klarheit», sagt Schiller. Propyläen, Erech- theion, Parthenon, Niketempel! Die wunderbare Einfachheit, die edle Harmonie, die innere Gesetzmässigkeit, die in der Verbindung der einzelnen Bauglieder zu einem vor- nehmen Ganzen hervortritt und einen Tempel wie einen lebendigen Organismus er- scheinen lässt, verfehlen ihren Eindruck auf die jungen Mädchen nicht.

Diesen Werken vollendeten Gleichmasses, von denen Plutarch sagt, sie seien durchdrungen von einem Hauche ewigen Frühlings und nie alternder Seele, reihen sich an der Tempel zu Pästum, die Jonische Ordnung vom Mausoleum zu Halikarnassos» und das choragische Monument des Lysikrates. Baumeister, die Wandtafeln von Hölzel und Seemann dienen in ihrer mustergiltigen Ausführung wohl dazu, den richtigen Begriff von diesen architektonischen Meisterschöpfungen zu geben. Sie bahnen uns zugleich den Weg zur Plastik, denn der Säulentempel fordert zur dekorativen Plastik heraus.

Zeugen die Metopen von Selinunt, das altlakonische Relief von Chrysapha noch von der niedrigsten Stufe der Entwickelung, so gelten der Apoll von Tenea, die Aegineten, die polychrome Statue der Athene von Anténor als Beweise für die Zeit des strengen konventionellen Stils, stereotyper Darstellung(bis zirka 490). Das religiös Bedeutsame war ihnen in dieser Periode viel wichtiger, als die Rücksicht auf künstlerische Schönheit.

Die Lösung aller Kräfte Griechenlands im Kampfe gegen die Perser, ihre Be- freiung vom asiatischen Joche erzeugte jenen grossartigen Aufschwung des geistigen Lebens, jene unvergleichliche Blüte auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft unter Perikles: schöpferische Kraft, Fähigkeit zu gewaltigen Empfindungen, erhabene Phantasie und ein massvoller Idealismus zeichnen die Werke jener glänzenden Epoche aus.

Der Jubel der Sieger von Marathon und Salamis, die fromme Dankbarkeit gegen die gnädigen Götter, die das Vaterland aus grösster Gefahr gerettet, Freude und Stolz des freien Bürgers: alle diese Gefühle durchziehen die Werke des genialsten Bildhauers aller Zeiten, des Phidias und seiner Schüler. Das Element der formellen Schönheit kam durch ihn zu seinem Rechte und diente dem religiösen Zwecke. Der Cellafries im Parthenon, der Schmuck der beiden Giebelfelder, die Karyatiden am Erechtheion, Athena Promachos, Athena Parthenos, Zeus von Olympia, Nike des Paionios von Mende und das Relief von Orpheus, Eurydike und ermes zeigen alle diese vorzüglichen Merkmale jener Periode des erhabenen

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