Jahrgang 
1905
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Plastik und Malerei hängen eng zusammen mit dem Totenkultus. In Verbindung mit den Mumien sollte des Verstorbenen Bild seine Fortdauer sichern; es musste daher naturgetreu sein, ein Porträt. Beim Betrachten dieser in Gräbern gefundenen Figuren und der bemalten Mumien staunen wir über ihre Realistik. Beispiele: Die Porträts des Ra-hotep und der Neffert aus den Gräbern von Meidun und viele Nachbildungen nach den Sammlungen im British Museum.

Die Hauptzüge der Entwickelung der ägyptischen Kunst können als feststehend betrachtet werden. Anders liegen die Verhältnisse, sobald wir die Monumente der Babylonier und Assyrer ins Auge fassen. Kontroverse Gegenstände müssen jedoch in der Schule möglichst ausgeschieden werden; daher sind wir zur Beschränkung ge- zwungen. Dasselbe gilt von Persien, dessen Baudenkmäler, nach Begründung ihrer Weltherrschaft, von verschiedenartigster Beeinflussung Zeugnis ablegen.

Die zu Tage geförderten Trümmer der Palastbauten der Könige enthalten die wertvollsten künstlerischen Schöpfungen. Aus den Schutthügeln von Kujundschik und Khorsabad, in Birs Nimrud, Susa und Persepolis wurden Alabasterplatten, glasierte Ziegel und Säulenbruchstücke ans Licht gebracht, die ihren Sinn für Glanz und Pracht, ihre feine Ornamentierung, ihre plastische Auszierung, reizvolle Abschlüsse der Firste mit Zinnen oder Akroterien und ihre Geschicklichkeit in der Vorkragung an Torbogen, aber auch der echten Wölbung mit Keilsteinen offenbaren. Ein starr konventioneller Zug herrscht trotzdem in der dekorativen Kunst wie in den plastischen Darstellungen von Männern und Frauen. Umsomehr setzt uns die auffallende Naturwahrheit in den Tierbildern in Verwunderung. Beispiel: die«sterbende Löwiny aus Kujundschik.

Die reichen Sammlungen im Louvre(besonders Kollektion Dieulafoy) und im Britisn Museum hinterliessen mir einen so mächtigen Eindruck, dass ich gerne den jungen Mädchen einen kleinen Begriff davon gebe. Ich benutze dazu Holdermann und Löhlein, Hölzel, Photographieen, Alwin Schultz und Justi, Geschichte der orientalischen Völker des Altertumsy.

Sehr lehrreich für Schärfung der Beobachtung fand ich auch die Erläuterung der Entwickelungsstufen der Plastik: von den Siegelzylindern, den glasierten Tonreliefs bis zu den Stein- und Marmorreliefs, besonders im Vergleich zu den ägyptischen Skulpturarbeiten. Mit dem Volke am Nil berühren sich die Bewohner Altpersiens in der Anlage von Felsengräbern und Totenkammern. Die Königsgruft in der Felswand bei Naksch-i-Rustem, sowie das als Grab des Midas bezeichnete Denkmal zu Ayazinn in Phrygien, dessen Aehnlichkeit mit dem Löwentore zu Mykenae anziehend und auffallend ist, bilden die sehr geeignete Ueberbrückung zu den ältesten Resten griechischer Kunst.

Schnell sind wir nach Baumeister(Denkmäler des klassischen Altertums) ver- traut mit den kyklopischen Mauern, mit Mykenae und vertiefen uns dann, demselben sicheren Führer folgend, in den Bau und die Funde des sogenanten«Schatzhauses des Atreus», d. h. des Kuppelgrabes der Atriden, mit seinen Gold-Schmucksachen, Waffen, Vasenresten, Bechern etc. Nach des ägyptischen Archäologen Flinders Petrie Meinung sind die darunter befindlichen berünmten goldenen Becher inbezug auf künstlerisches Empfinden, auf treue Naturbeobachtung, auf Meisterschaft der Ausführung allen späteren Werken der sogenannten Glanzzeit würdig. Finden wir in unseren Brochen, Ringen, Halsketten, Gürtelschnallen nicht häufig Anlehnung an das Diadem, die Spiralwindungen, die Buckeln, überhaupt an alle bevorzugten Zierformen der Frauen aus dem fürstlichen Geschlechte der Atriden?

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