Jahrgang 
1905
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Da nun gleichzeitig die Blüte der Kunst stets in engstem Zusammenhange mit grossen Leistungen auf staatlichem Gebiete, mit ausgezeichneten politischen Aktionen der Völker steht, so leitet uns dieser Gesichtspunkt bei der Auswahl unseres Materials für den Unterricht in der Kunstanschauung.

Das tiefreligiöse und fabelhaft schöpferische uralte Kulturvolk der Aegypter offenbart uns in seinen architektonischen Denkmälern, den grossartigsten Zeugen einer gewaltigen Baukunst, ein ausgeprägtes Bild seiner ernsten, ja düsteren Lebensauffassung, zugleich aber auch den Beweis für despotische Verfügung über willenlose Untertanen, die spurlos untergehen.

Sowohl die Bauten des alten Reichs, die ausschliesslich dem Totenkultus dienen: Pyramiden, Sphinxe Felsengräber und Mästaba, sowie die des mittleren Reichs: Felsenkammern und-gräber mit Säulen und die dem Lichtgotte Ra geweihten Obelisken, als auch die Werke des neuen Reiches, dessen Herrscher weite Kriegs- züge unternahmen und ihre Ruhmsucht besonders in grossartigen Tempelanlagen bekunden, wurden besprochen und zwar:

l. nach den Abbildungen in unserem geschichtlichen Lehrbuch von Holdermann

und Löhlein; 2. nach den Wandbildern von Hölzel; 3. nach den grossen Tafeln von Schneider und Metze: Hauptmerkmale der Baustile(Sie führen uns durch das ganze Gebiet der Architektur) und

4. nach der Kunstgeschichte von Alwin Schultz, die in prächtiger Wiedergabe die heiteren Farben und feine Linienführung in den Malereien ihrer Säulen- schäfte und Tempelwände zeigt.

Ihre Farbenskala war sehr beschränkt, zeugt jedoch von feinem Verständnis für Harmonie, für die dem Orte angemessene Würde.

Palme, Lotos, überhaupt Motive aus der Pflanzenwelt ſinden wir in Menge. Die sehr verstandesmässige Richtung der alten Aegypter lässt bei diesen Darstellungen das eigentliche Ornament zurücktreten, während die der Natur entlehnten Schmuckformen Bilder aus dem täglichen Leben(auch interessante Karrikaturen) und geschichtliche Vorgänge in den Vordergrund treten. Unser Hauptinteresse erregen deshalb die Reliefs en creux: Opfer, Prozessionen, Schlachten, Taten der Könige, gewerbliche und häus- liche Beschäftigungen.

Charakteristische plastische Darstellungen, wie die des Dorfschulzen» von Giseh, die aus Kalkstein gemeisselte Statue eines«Schreibers» im Louvre, des Zwerges Nem-hotep aus seinem Grabe in Sakkarâ, beweisen ihren scharfen Blick für Eigen- tümlichkeiten. Zeugen dafür sind ferner noch die übermächtigen Gestalten der Herrscher sowohl am Nil als auch an den Tempelpforten.

Bilder von Perlberg und Photographieen von Originalen im Britisn Museum machen die Schülerinnen damit, sowie auch mit ihrem Begriff von Würde, Ueberlegen- heit, hoher Stellung bekannt.

Denkmale voll stummer, erhabener Poesie sind die gigantischen Obelisken, die mächtigen Pyramiden und Herrscherkolosse; beredten Ausdruck ihrer religiösen ldeen finden wir im 125. Kapitel des Totenbuches: das Totengericht vor dem Gotte Osiris in dem unterirdischen Gerichtssaal.