Plan und Material unseres Unterrichts in der Kunstanschauung.
Peoir brauchen eine Erziehung zur Kunst, zum Kunstgenuss. Wir alle müssen 7 lernen, zu sehen, die Freude an Form und Farbe muss geweckt, unsere D Seele zur Empfänglichkeit für die Schönheit des Kunstwerks herangebildet
werden. Auch die Jugend sollte schon den Reiz erkennen, welcher in dem Bemühen verborgen liegt, gerade nach dieser Richtung hin unser Fühlen zu ver- feinern und zu erweitern. Eine veredelnde Einwirkung auf Geist und Gemüt kann nicht ausbleiben; denn«das echte Kunstwerk», sagt Tolstoi,«drückt in seiner Sprache einen heiligen Ernst, eine brennende Wahrheitsleidenschaft, ein demütiges Wirklichkeitsgefühl, einen unermüdlichen Arbeitseifer, ein Vermögen aus, das Unwesentliche dem Wesent- lichen unterzuordnen; wer es ansieht, empfängt Offenbarungen.«
lst nicht auch die Schönheit an und für sich ein Gutes? Steigert sie nicht unser Lebensgefühl, verleiht sie nicht unseren Freudenquellen eine grössere Mannig-
faltigkeit? Ihre blosse Einwirkung genügt jedoch nicht. Ein vertiefender Einfluss aber— und den betrachte ich als Ziel des Strebens— ist undenkbar ohne klares Erschauen,
ernstes Versenken.
Da nun das Schönheitsgefühl die Färbung des Zeitgrundes annimmt, aus dem es erwächst, ist die Ausbildung verständnisvoller Kunstanschauung im Unterricht not- wendigerweise verbunden mit einem geistigen Durchwandern aller bemerkenswerten Epochen künstlerischer Erzeugnisse nicht nur, sondern es bietet auch dieser Zug in hervorragendem Grade Gelegenheit, die ethische, religiöse und politische Gedankenwelt der auf diesem Gebiete wichtigen Kulturvölker zu verstehen.
Fast bei allen Völkern rufen gerade die religiösen Vorstellungen Bauten ins Leben; die Verehrung der Gottheit bildet den Ausgangspunkt aller Kunstbestrebungen. Ihr Glaube,«dass ein grosses, hervorbringendes, ordnendes und leitendes Wesen sich gleichsam hinter der Natur verberge»(Goethe), ihre Anschauungen von den über ihnen waltenden, ihr Schicksal bestimmenden Mächten sind die geistigen Eltern der Kunst- idee; das in ihrer Seele entstandene Bild findet seinen Ausdruck in den Schöpfungen der Plastiker und Maler.
«Während die Phantasie die Vorstellung unerforschlicher Dinge hinausprojiziert, bildet des Künstlers Griffel sie zu Gestalten um.» Shakespeare.
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