Jahrgang 
1905
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Auch darf uns das vielfach so gedankenlos hingeworfene Bedenken, die Weib- lichkeit» könne unter diesem Hervortreten der Frau aus der häuslichen Sphäre leiden, nicht irre machen. Wenn freilich unter der Gefährdung der Weiblichkeit eine Einbusse der der Frau vermöge ihres sensibleren Seelenlebens eigenen Feinfühligkeit gemeint wäre, so wäre allerdings der Schaden grösser als der Nutzen. Aber ich frage jeden Kenner, ob um ein naheliegendes Beispiel zu nehmen die spezifische Feinfühlig- keit der Lehrerin ernstlich darunter leidet, dass sie der Klasse gegenüber eine energische Haltung in Ton und Auftreten anzunehmen gezwungen ist. Eine so hinfällige«Weiblich- keit» stünde auf schwachen Füssen. Und anderseits übersieht man dabei, dass die wertvollsten vorwiegend weiblichen Kräfte wie die unbedingte Opferwilligkeit und Selbst- aufopferung der Frau gerade durch die öffentliche Tätigkeit gefördert wird, während sich die Opferwilligkeit z. B. der Hausfrau vielfach bedenklich mit der Fürsorge für ihr wohlverstandenes eigenes Interesse oder das der ihrigen deckt.

4. Praktische Folgerungen.

Hier handelt es sich vor allem um alle diejenigen Arbeitsgebiete, für welche weib- licher Schönheitssinn, weibliche Sinnigkeit, weibliche Kleinkunst, kurzum alle jene Im- ponderabilien, die dem männlichen Geschlecht versagt sind, die Vorbedingung des Erfolges bilden. Die bereits erfolgte Eroberung des Gebiets der Krankenpflege ist hier- bei von eminenter vorbildlicher Bedeutung. Ein weiteres Gebiet bildet die weibliche Bekleidungstechnik. Würde nicht, wenn sich gebildete Mädchen dem Beruſe des Kleidermachens, der Putzmacherei usw. widmen wollten, das Niveau dieses so wich- tigen Berufszweiges gehoben werden? Sicherlich würde dann die Vorherrschaft des Geschmacks gewisser Pariser Kreise und zugleich die unerschwingliche Höhe der zum Teil fiktiven Preise jener Branche erheblich zurückgedrängt werden. Ferner, um ein anderes, sehr aktuelles Gebiet zu erwähnen, könnte wohl der leidigen Dienstbotenfrage etwas von ihrer Schärfe genommen werden, wenn gebildete Mädchen in weit grösserer Zahl, Kopf und Hand auf dem rechten Fleck als Mittelglied zwischen die fassungs- lose Salondame und das souveräne Dienstpersonal treten wollten. Oder endlich, um ein unabsehbares Gebiet nur zu streifen, wird, wenn erst der Bann unserer gesellschaft- lichen Anschauungen gebrochen, auch die Fabriktätigkeit der gebildeten Hiand gar manche Funktion abtreten, für welche die Hand des Mannes oder die bloss mechanisch geschulte Hand nicht ausreicht. Es gibt der Gebiete noch mehr.

Wir sind uns darüber klar, dass diesen Anschauungen die Tradition unserer gesellschaftlichen Anschauungen entgegensteht. Allein erstlich wandeln sich in unserer raschlebigen Zeit die Begriffe sehr rasch, und zweitens darf man bei dem Versuche der Lösung einer Frage, die uns sozusagen auf den Nägeln brennt, nicht vor dem billigen Vorwurk der Projektenmacherei sofort zurückschrecken. Des Nachdenkens jedenfalls ist diese Frage wert. Wie sagt Carlyle?«Alle ehrliche Arbeit ist heilig; in jeder ehr- lichen Arbeit, wäre es auch nur die ehrliche Arbeit der Hand, liegt etwas Göttliches.«

Dass übrigens die geistige Arbeit in immer wachsendem Masse das Privileg der ausschliesslichen Qualifikation zur Salonfähigkeit verliert, beweist am greiſbarsten die stattliche Uebersicht über die der Frau sich allmählich erschliessenden Wirkungs- kreise. Wie wohltuend berührt um nur ein paar Beispiele zu wählen das Wort

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