Jahrgang 
1905
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dauernden Unbilligkeit. Nur eines: eine Lösung der Frauenfrage für die mittleren und oberen Stände bildet die Zulassung zum Universitätsstudium nicht. Was einer Elite von Frauen möglich sein wird, gilt nicht für die grosse Mehrheit. Möge man also fortfahren, durch die Gründung besonderer Frauengymnasien oder Gymnasialkurse, die von der höheren Mädchenschule abzweigen, dem berechtigten Streben einer geistig hervorragenden Minderheit Rechnung zu tragen; möge man aber zugleich die Interessen der Mehrheit darüber nicht aus dem Auge verlieren. Diese Mehrheit nun empfängt ihre Vorbildung in der höheren Mädchenschule. Deren Lehrplan steht nunmehr in allen deutschen Staaten in seinen grossen Zügen fest, und es wäre eine Torheit, um jener Minderheit willen an die in sich geschlossene, relativ abgerundete Bildung, welche die höhere Mädchenschule vermittelt, zu rühren. Welchem Beruf nun sollen sich die so vorgebildeten Mädchen widmen, die einerseits nicht studieren wollen oder können, und die anderseits durch ihre Vermögenslage gezwungen sind, sich nach einer ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrer höheren Bildung entsprechenden Tätigkeit um- zusehen? Hat, so dünkt uns, die Kulturentwickelung infolge der Verdrängung der Hausarbeit durch die Maschine jene spezifisch weiblichen Kräfte, die auf dem Gebiete der Fausarbeit wirksam waren, brach gelegt, so muss sie dieselben auch wieder in ihren Dienst stellen: keine Kraft geht in der Welt verloren, sondern setzt sich in ver- änderter Form in eine andere um. Und so fehlt es denn wie zu Anfang des zweiten Abschnitts erwähnt tatsächlich in der Gegenwart weniger denn je an Arbeitsgebieten, auf denen die von dem denkenden, gebild eten Geiste geleitete Hand der Maschinen- tätigkeit überlegen ist. Woran es uns aber fehlt, das sind die Hände, die sich zu solcher Arbeit bieten. Das Vorurteil, dass nur geistige Arbeit adle, ist der Erbfluch des weiblichen Geschlechts in unseren Kreisen. Die Züchtung eines geistigen litterarischen Proletariats scheint bei dem jetzigen Stand unserer überkommenen Anschauungen über gesellschaftliche Stellung, leider, immer noch weniger bedenklich als ehrliche Handarbeit durch gebildete Menschen und durch solche Arbeit eine indirekte Hebung der Arbeit der Hand überhaupt. Statt das Niveau der geistigen Arbeit noch mehr zu drücken, sollte man umgekehrt die Arbeit der Hand zu heben suchen. Um nur ein einziges praktisches Beispiel zu geben, so weisen wir zum Beweise für unsere Befangenheit in gesellschaftlichen Vorurteilen darauf hin, wie jene zahllosen zum Teil überflüssigen Vertreter des Zwischenhandels noch heute in sozialer Beziehung vielfach über dem produktiv tätigen, schlichten Handwerksmeister rangieren. Aehnliches gilt für die weibliche Tätigkeit. Sucht man gerade in unseren Tagen das Handwerk zu heben, so vergesse man doch auch die Arbeit der weiblichen Hand nicht!

Es bleibt nichts übrig: Sind die Frauen der unteren Stände mit ihrer rein mechanischen Arbeit aus der Sphäre der Familie heraus an die Oeffentlichkeit, in die Familie, getreten, ist zweitens ein relativ kleiner Bruchteil der Frauen aus den mittleren und oberen Ständen ebenfalls aus der Familie heraus in den Konkurrenz- kampf mit der Männerwelt und zwar auf dem Gebiet rein geistiger Tätigkeit ge- treten, so muss auch die breite mittlere Schicht diesen öffentlichen Kampf auf den- jenigen Gebieten aufnehmen, welche eine zugleich mechanische und geistige Tätigkeit umfassen, also auf gewissen Gebieten der Handarbeit, des Handwerks.

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