Jahrgang 
1905
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seiner Ueberlegenheit liegt; denn wer mit dem Anderen in irgend einem Punkte gleich- gestellt zu sein wünscht, betrachtet sich vorläufig als in diesem Punkte hinter ihm zurückstehend. So verzichten jene Vorkämpfer in der Hitze des Gefechts auf die eigentümliche Stärke ihrer Position, die in den besonderen Kräften der weib- lichen Natur liegt, um sich auf einen Wettstreit auf rein intellektuellem Gebiete ein- zulassen, auf dem ihre Ueberlegenheit doch mindestens zweifelhaft ist. In disem Sinne sagt Ellen Key, eine der geistreichsten Frauen, die über diese Frage geschrieben: »Wehe dem, der sich einredet, dass die Notwendigkeit seines Wesens Zufall sei! Nur dadurch, dass sie die Notwendigkeit ihres eigensten, innersten Wesens zum Aus- gangspunkt für ihr Streben nach Befreiung macht, wird eine Persönlichkeit befreit nicht nur von etwas, sondern auch zu etwas. Nur dadurch, dass sie sich einredeten, die Notwendigkeit ihrer weiblichen Natur sei Zufall, haben die Frauen ihr abstraktes Gleich- heitsideal, auf Grund der rein menschlichen Wesensgemeinschaft, aufstellen können, ganz wie die französische Revolution aus demselben Grunde ihr abstraktes Gleichheitsideal zwischen den Gesellschaftsklassen aufstellte.«

2. Die Ursache des Konkurrenzstreites der Geschlechter.

Wenn je eine Zeit gebieterisch die Erweiterung der Wirkungssphäre der Frau ge- fordert hat, so ist es die Gegenwart. Andererseits, wenn je eine Zeit infolge ihrer zu- nehmenden Befreiung von Vorurteilen diese Erweiterung zu gewähren imstande war, so ist es wieder die Gegenwart. Gefordert wird diese Erweiterung aus verschiedenen Gründen. Der wichtigste ist wohl das Vordringen der Maschinentätigkeit, wodurch eine grosse Anzahl von Arbeiten, die früher der weiblichen Tätigkeit im Hause zu- fielen, jetzt der Maschine zufallen. Nun brachte aber für die unteren Stände der Schaden zugleich die Heilung mit sich, indem sich die freigewordenen weiblichen Kräfte vom Hause abwandten und der Fabrik zuwandten, was zwar in sozialer Beziehung, nicht aber in nationalökonomischer zu bedauern war. Eine Frauenfrage als brennende Existenzfrage gibt es somit für das weibliche Geschlecht in den unteren Ständen nicht; hier liegt die Frauenfrage auf sozialem und ethischem Gebiet. Nur für die mittleren und oberen Stände hat die Zurückdrängung der Handarbeit durch die Maschine die Frauenfrage zur Existenzfrage gemacht. Zugleich aber ging mit jenem Rückgang der Hausarbeit und damit der NMöglichkeit der Ersparnisse durch dieselbe eine enorme Steigerung der modernen Ansprüche an die Lebenshaltung Hand in Hand. Es wurde also immer schwerer, das Haushaltungsbudget zu balanzieren. Nun sah man sich nach Hilfe um. Nur die geistige Arbeit ist standesgsmäss, so hiess es. Nur ihr verdankt das männliche Geschlecht seine Ueberlegenheit über das weibliche. Das letzte Ziel durch verschiedene Zwischenstufen hindurch muss also die Verdrängung der Männer- welt aus ihrem Monopol der geistigen Arbeit sein.

3. Die Schlichtung des Streites.

Fühlt ein Mädchen in sich die Kraft zu erfolgreichem Kampf mit den körper- lichen und geistigen Anstrengungen, deren höchstes Ziel das Universitätsstudium ist, so soll man ihm diese Laufbahn nicht länger verschliessen. In der allmählichen An- erkennung dieser Forderung liegt die endliche Beseitigung einer seit Jahrhunderten

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