von Frl. Dr. Gottheiner in ihrem Artikel über«Die gebildete Arbeiterin» in dem treff- lichen illustrierten Frauen- Jahrbuch von Hillger(1904):
«Wenn man einen Einblick in diese Verhältnisse gewinnt, so nimmt es einen wunder, dass nicht mehr Frauen danach streben, höhere kaufmännische Stellungen zu erringen, sich in der Landwirtschaft und Gärtnerei auszubilden, Chemikerin, Apothekerin, oder Musterzeichnerin in einer grossen Fabrik zu werden, alles Dinge, die der Eigenart der Frau, die durch Jahrhunderte lange Uebung im Haushalte gerade ihre praktischen und organisatorischen Fähigkeiten ausgebildet hat, mindestens ebenso nahe, wenn nicht näher liegen sollten, als gerade der Lehrberuf. Es giebt grosse Gebiete unseres Wirt- schaftslebens, die durch tätiges Eingreifen der Frau nur gewinnen könnten. Denken wir nur z. B. an die Organisation der Industrie. Hier ist überall Raum für Verbesserung. Gute Organisatoren sind selten, und der Grossindustrielle hat meist andere Dinge im Kopfe als die innere Ordnung seiner Fabrik. Wäre hier nicht reichlich Platz für die Betätigung einer gebildeten Frau? Wenn sie die Räume der Fabrik durchschreitet, wird sie ganz andere Dinge dort erblicken als das Auge eines Mannes, das auf anderes zu achten gewöhnt ist. Aehnliche Beispiele liessen sich noch für eine Reihe von anderen Gebieten anführen, auf denen ebenfalls eine gewisse Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern möglich wäre.«
Ferner die folgende Stelle aus einem Artikel von Dr. Winther, Direktor der höheren Mädchenschule in München(Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 2. August 1904):»Sehen wir nicht schon allenthalben Frauen und Mädchen auch in kaufmännischen und gewerblichen Berufen und in Bureauarbeiten tätig? Wie teilt die Inhaberin eines besseren Geschäftes für Kleidermachen und Putzarbeit an ihre Kundinnen um reiches Entgelt ihre Gnaden aus? Oder wäre es etwa denkbar, dass eine tüchtige Wirt- schafterin, die auch die Küche zu meistern versteht, heutzutage so vergeblich ihren Unterhalt suchte wie Hunderte von Musik- und Sprachlehrerinnen? oder eine geschulte Krankenpflegerin, die mit Hand und Herz bei ihrem edlen Berufe stünde?
Aber da liegt ein starkes Hindernis im Wege: man will auf der Höhe der ge- sellschaftlichen Verhältnisse bleiben; und wenn schon einmal öffentliche Arbeit, so müsste sie wenigstens vornehmeren Zielen gelten! Ja, Vorurteile sind Tyrann en, und es ist in der Tat seelisch nicht gerade leicht, sich denselben zu entwinden. Kurz- sichtige Vorurteile verblassen an der Macht der Tatsachen. Diejenigen Mädchen und Frauen, denen der natürliche Beruf versagt ist, oder die aus eigener Entschliessung darauf verzichten, verdienen, gestützt und gefördert zu werden. So kann manche Existenz, die man hartherzigerweise als verfehlt zu bezeichnen pflegt, an rechtem Lebens- inhalt gewinnen, sich selbst, den Familien und der Gesellschaft zum Glück.«
Wollte man einwenden, dass derartige Anschauungen jedem anderen, nur nicht dem Lehrer der höheren Mädchenschule zu Gesichte stehen, da dieselben schliesslich auf eine Entvölkerung der höheren Mädchenschule zu Gunsten von Fachschulen hinaus- laufen könnte, so hiesse das den Kernpunkt dieser Ausführungen völlig verkennen: Nicht nach der Arbeiterin schlechthin, sondern nach der gebildeten Arbeiterin soll sich die Nachfrage mehren. Diese Bildung zu vermitteln ist aber gerade die Aufgabe der höheren Mädchenschule.— Sie will der weiblichen Jugend die Erziehung geben, das öffentliche Leben aber muss ihnen das Arbeitsfeld geben. Zu diesem Zwecke aber muss die Gesellschaft selbst mit Hand anlegen, um dies Arbeitsfeld zunächst
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